Mittwoch, 25. Mai 2016

Kolumne "Chefsache" Deutsches Organisations-Versagen

mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)
Olaf Ballnus für mm
mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)

Geschätzte Leserinnen und Leser,

der neue Commerzbank-Chef Martin Zielke muss sich Sorgen machen, ebenso wie HypoVereinsbank-Vormann Theodor Weimer und eigentlich alle deutschen Banken-Chefs - außer die bei der Deutschen Bank. Die lobte der Bankenaufseher der Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin), Raimund Röseler, auf der Jahrespressekonferenz als einziges Geldhaus namentlich, ausführlich und ausdrücklich: "Wir sehen die Bank auf völlig richtigem Weg", so Röseler.

Bislang haben sich die Aufseher mit öffentlichen Bewertungen von Einzelinstituten immer zurückgehalten - aus gutem Grund. Spitzenbürokrat Röseler müsste jetzt auch Auskunft geben, wie er denn den Weg eben der Commerzbank, HypoVereinsbank und jeder anderen Bank so einschätzt, mit der man als Kunde oder Geschäftspartner zusammenzuarbeiten gedenkt. Das wird er aber nicht tun, weil jede Abweichung von seiner Formulierung vom "völlig richtigen Weg" jetzt oder in der Zukunft für die Banken ruf- und damit geschäftsschädlich sein könnte.

Für die BaFin selbst war es Röselers Aussage jetzt schon. An diesem Freitag veröffentlichte das Wall Street Journal Informationen zu zweifelhaften Deals in der Kapitalmarktsparte der Deutschen Bank. Die liegen zwar schon lange zurück - Henry Ritchotte, der sie abgenickt haben soll, arbeitet aber weiter in prominenter Position für die Bank, als Mr. Fintech. Das kann ein "völlig richtiger Weg" sein, unmittelbar einleuchtend ist das aber nicht.

Immerhin befindet sich Röseler behördenintern mit seinem Kommunikations-Irrlauf in guter Gesellschaft. Von seinem Präsidenten Felix Hufeld wurde nach derselben Pressekonferenz von der Nachrichtenagentur Reuters die Aussage in die Welt gejagt, die Vorwürfe der britischen Finanzaufsicht FCA gegen die Deutsche Bank wegen mangelhafter Anti-Geldwäschesysteme seien "abgehakt". Weil das mm-Informationen widerspricht, rief ich noch vor Pfingsten bei der BaFin an und bat um Aufklärung. Die folgte dann vor wenigen Tagen: Hufeld sei völlig falsch verstanden worden, so ein Sprecher. Er habe sich zu der Causa überhaupt nicht geäußert. Sehr wohlwollend könnte man sagen: Missverständnisse gibt es immer wieder. Erste Amtspflicht der Spitzenbehörde BaFin, für die das richtige Wort eines der schärfsten Schwerter ist und Glaubwürdigkeit sowieso, wäre es dann aber gewesen, die falschen Aussagen ihres Präsidenten Hufeld schnellstmöglich öffentlich und nicht nur auf Einzel-Nachfrage zu widerrufen.

Eine andere Spielart des Organisationsversagens liefern in diesen Tagen Teile der deutschen Industrie ab. Der Augsburger Roboter-Spezialist Kuka, ein Unternehmen aus dem Herzen der deutschen Industrie 4.0,geht in chinesische Hände. Das war seit einigen Monaten absehbar, mögliche deutsche Käufer haben es einfach so geschehen lassen. Nichts gegen chinesische Investoren, die haben sich an vielen Stellen bislang als äußerst gewissenhaft präsentiert, und die Offenheit unserer Industrie ist sicherlich einer unserer Erfolgsgaranten.

Aber ein bisschen mehr Phantasie auch auf deutscher Seite, was aus Kuka nicht noch alles werden könnte, wäre interessanter gewesen.

Ein anregendes Wochenende wünscht Ihnen Ihr

Sven Clausen


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