Montag, 5. Dezember 2016

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Kolumne "Chefsache" Von der Kunst, zum richtigen Zeitpunkt überfordert zu sein

mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)
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mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)

Liebe Leserinnen und Leser,

Francois Hollande hat Ende dieser Woche endlich mal ein sehr gutes Beispiel gegeben: Der französische Staatspräsident hat seine Überforderung erklärt. Das Volk werde ihn nicht wiederwählen, also werde er auch nicht wieder antreten. Was er nicht erwähnt hat - aber die sanfte Camouflage für den Selbstschutz sei ihm gegönnt - sind die Gründe: Er hatte fast fünf Jahre Zeit, die Wähler von seiner Leistungsfähigkeit zu überzeugen. Er bekam einfach nicht genügend Belege zusammen.

Vergleiche zwischen Politik und Wirtschaft hinken häufig, aber im ganz Groben führen sie manchmal doch in Zielnähe. Das Pendant zum Wahltag in der Demokratie sind in der Wirtschaft die Tage und Wochen der Diskussion im Aufsichtsgremium oder Eignerkreis, ob der Unternehmenslenker eine Vertragsverlängerung verdient habe. Im Idealfall sitzen da dann Vertreter zusammen, die über die einzelnen Anforderungen kompetent urteilen können - ähnlich der einzelnen sozialen Schichten im Wahlvolk.

Natürlich läuft es selten so ideal. Bei Oetker etwa fehlte ein solcher Mechanismus. Die Mitglieder der aktuellen Erbengeneration waren jeweils der Meinung, sie seien geradezu fabelhaft geeignet, den Mischkonzern in die Zukunft zu führen. Darüber haben sie sich so zerstritten, dass die einst proppere Reederei Hamburg Süd erst zum Sanierungsfall wurde, um dann in dieser Woche zur Verhinderung der Havarie in die Verramschung an den dänischen Rivalen Maersk entlassen zu werden. Die Oetkers haben, um in der Analogie zu bleiben, den Wahltag abgewartet und das umfängliche Desaster in Kauf genommen. Hätten sie früher ihre Überforderung konstatiert, wäre es ihrem Konzern, ihren Mitarbeitern und damit schließlich auch ihnen besser ergangen.

Ähnlich empörend ist der Fall Deutsche Bahn, immerhin Staatsbesitz. Deren Vorstandschef Rüdiger Grube hat das Unternehmen derart in einen Dämmerzustand versetzt, man würde sich nicht wundern, würde demnächst die Refirmierung in "Deutsche Bundesbahn" erfolgen. Jungunternehmer wie die Gründer von Flixbus können ihr Glück immer noch nicht fassen, wie umfassend Grube ihnen den Markt für Fernbusreisen in den vergangenen Jahren überlassen hat. Und die Sache mit dem flächendeckenden W-Lan in den ICE, die wird dann sicherlich auch bald was.

Grube, seit 2009 im Amt und 65 Jahre alt, ist ein sympathischer Zeitgenosse, aber in seinem Amt ganz offensichtlich überfordert. Er sieht das leider völlig anders und will unbedingt noch eine Vertragsverlängerung. Eine existentielle Schieflage wie bei Oetker, die das korrigieren könnte, ist nicht in Sicht. DB ist schließlich ein Staatsunternehmen.

Ich bin wirklich sehr gespannt, wie der Aufsichtsrat sich dazu entscheidet. Denn selbstverständlich und ganz ernsthaft: Natürlich kann nicht nur das Amt des französischen Staatspräsidenten überfordern, die Leitung der Deutschen Bahn kann das mit Leichtigkeit ebenfalls.

Das von außen zu erkennen, war allerdings noch nie so einfach wie heute.

Ein anregendes Wochenende wünscht Ihnen,

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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