Sonntag, 21. Oktober 2018

Kolumne "Chefsache" Ein Fallschirm für den Fall

Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen
Olaf Ballnus
Stellvertretender mm-Chefredakteur Sven Clausen

Liebe Leserinnen und Leser,

nach dem Aufstieg des neuen deutschen Tech-Vorzeigekonzerns Wirecard in den Dax kündigte unser Kollege Mark Böschen eine Recherche dazu an, wer denn jetzt die nächsten "Compounder" sein würden. Er vermerkte das auch schriftlich in unseren einschlägigen Themenplänen, so dass "Compounder" auf dem besten Weg war, sich auf unseren Redaktionsfluren (chats haben wir natürlich auch) zu einem geflügelten Wort zu entwickeln.

Ich mach's kurz: Eines Tages stand ich mal wieder mit einem Kollegen zusammen, es ging um die Themenplanung, wir kamen auf die "Compounder" und bemerkten beidseitig die leichte Leere in unseren Blicken. Kollege Böschen hat es uns dann erklärt: Den Begriff "Compounder" hat einst Investorenlegende Warren Buffett kreiert und damit seine Lieblingsunternehmen beschrieben: Firmen wie Geldmaschinen, deren hohe Margen durch eine besondere Technologie oder Kundenbeziehung praktisch automatisch geschützt sind. Böschen dachte, wir hätten es wissen müssen. Stimmt vermutlich auch.

Ich musste in den vergangenen Tagen jedenfalls wieder an Buffetts Definition besonders wertvoller Unternehmen denken, als uns die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley weismachen wollten, die Vermittler-Plattform Uber sei 120 Milliarden Dollar wert. Buffett hatte zwar einst auch mal einen Einstieg bei Uber erwogen, allerdings zu einer deutlich günstigeren Bewertung. Die Gegenargumente für das Preisschild der beiden Investmentbanken sind himmelschreiend, mein Kollege Christoph Rottwilm hat sie hier mal zusammengefasst.

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Zuletzt sind die Aktienkurse einiger Tech-Firmen abgestürzt, die zuvor schwärmerisch angepriesen wurden. Gut, so ist das Leben an den Kapitalmärkten und wer sein Hirn der Gier überlässt - selbst schuld.

Die eigentliche Gefahr sehe ich aber woanders: Solche Enttäuschungen kann eine Branche in Misskredit bringen und mit ihr die eigentlich sinnvollen Technologien oder Geschäftsmodelle, die dahinterstehen. Die US-Amerikaner sind dafür weniger anfällig, wohl aber der der Mäkelei zugeneigte deutsche Geist.

Das war etwa nach dem Platzen der ersten Internetblase um die Jahrtausendwende so. Die Revisionisten fühlten sich bestätigt und übernahmen mit ihrer Skepsis zur Digitalisierung die Meinungsführerschaft. Da sollten wir dieses Mal wachsamer sein. Wenn Ubers Börsenwert in sich zusammenfallen sollte, heißt das nicht gleich, dass die Sharing Economy tot ist oder beim Thema Mobilität doch alles so bleibt, wie es ist.

Machen Sie etwas aus Ihrem Wochenende,

Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.