Dienstag, 18. Dezember 2018

Kolumne "Chefsache" Ein Fall für drei Frauen

mm-Chefredakteur Sven Clausen
Olaf Ballnus
mm-Chefredakteur Sven Clausen

Liebe Leserinnen und Leser,

wir schließen in diesen Tagen unsere Liste der 100 wichtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft ab - da erreicht uns folgende Information gerade zur rechten Zeit: Martina Merz, 55 Jahre alt, soll Aufsichtsratschefin beim Industriekonzern Thyssenkrupp (Stahl, Aufzüge, Anlagenbau) werden. Bislang gibt es das im Dax nur bei der familiendominierten Henkel AG & Co. KGaA, wo Clan-Oberhaupt Simone Bagel-Trah (49) präsidiert.

Merz hat sich bei Robert Bosch als handlungsstarke Managerin kleinerer Problemsparten einen Namen gemacht, aber nie Einheiten mit mehreren zehntausend Menschen geführt. Diese Erfahrung gilt immer noch als unverzichtbar, wenn man einen komplexen Großkonzern oberbeaufsichtigen soll. Aber gut - das kann Merz ja als Vorurteil entlarven.

Geradezu großexperimentell ist dagegen das Zusammenspiel dreier anderer Umstände: Erstmals wird bei einem deutschen Traditionskonzern nicht einfach nur eine Frau irgendwo auf einer wichtigen Position sitzen, sondern gleich ein ganzes Frauen-Regiment den Ton prägen. Der größte Aktionär von Thyssenkrupp, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, wird von Ursula Gather (65) geführt, im Hauptberuf Rektorin der TU Dortmund. Eine - wenn auch weitgehend informell - sehr wichtige Rolle im Aufsichtsrat spielt zudem Carola von Schmettow (54), im Hauptjob Deutschlandchefin der Bank HSBC.

Dass dieses Novum bei Thyssenkrupp eintritt, ist besonders interessant. Erstens ist der Konzern geprägt von jahrzehntelanger männlicher Buddywirtschaft, wenn auch unterschiedlichen Charakters. Zuletzt standen CEO Heinrich Hiesinger (58) und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner (72) so fest zueinander, dass sie darüber ein paar wesentliche ökonomische Realitäten aus dem Blick verloren - und als das rauskam verschreckt das Weite suchten.

Zweitens startet Thyssenkrupp in den kommenden Monaten eine gewagte Operation: Es spaltet sich in zwei Teile. Das macht ein bisschen Sinn, aber nicht überragend viel, hauptsächlich geschieht es auf Druck von Investoren, die nicht viel mehr Interesse an Thyssenkrupp haben, als dass sie mal gucken wollen, ob man mit dem Verkauf einzelner Teile nicht ordentlich Geld verdienen kann.

Es wird ja glücklicherweise immer recht viel geschraubt, zerteilt und neu verlötet in der deutschen Wirtschaft. Das ist wichtig - die Welt ändert sich.

Zuletzt gerieten die Operationen aber auffällig impulsarm. Linde-Instructor Wolfgang Reitzle (69) hat den Münchener Traditionskonzern in eine Fusion mit dem US-Rivalen Praxair gezwungen, mit operativem Sitz in den USA, Kontrollzentrale in England und Steuersitz in Irland. Mehr als der müde Standard-Hinweis, dass der neue Weltmarktführer im Gasegeschäft ein "exzellentes Unternehmen" werden solle (nachdem die Vorgängerfirmen jeweils "gut" waren), fiel den Handlungstreibenden zur allgemeinen internen wie externen Erbauung aber nicht ein.

Bayer-Chef Werner Baumann (56) will durch den gut 60-Milliarden-Euro schweren Kauf von Monsanto die Welternährung sicherstellen. Das kann sehr gut sein, nur hat er sich möglicherweise mit den rüden Jungs von Monsanto einfach die falschen Partner ausgesucht.

Merz und ihre Mitstreiterinnen haben mit der Spaltung Thyssenkrupps eine ähnlich komplexe Operation vor sich. Sie sollten noch mal überlegen, warum sie die eigentlich wirklich wollen und ob sie die richtigen Beteiligten an Bord haben. Nur wenn sie sich in beiden Punkten ganz sicher sind, kann die Operation gelingen.

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Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitagnachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.