Samstag, 27. August 2016

Kolumne "Chefsache" Das Amazonloch

mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)
Olaf Ballnus für mm
mm-Chefredakteur Steffen Klusmann (rechts) mit den Stellvertretern Martin Noé (links) und Sven Clausen (Mitte)

Liebe Leserinnen und Leser,

am Mittwoch war es wieder so weit: Ich hatte ein Interview zur Abnahme vorliegen, dass sehr lesenswert war bis zu dem Zeitpunkt, wo der Interviewte seine strategischen Pläne in dem Satz zusammenfasste: "Wir wollen das Amazon des (...) werden."

Ständig wollen Unternehmen, vor allem in und um den Handel, zu einem "Amazon" werden.
Amazons Erfolg hat fraglos bewundernswerte Aspekte. Trotzdem finde ich einen solchen Anspruch verschüchtert. Amazon Börsen-Chart zeigen wurde nicht zu Amazon, weil Jeff Bezos zu einem "Barnes & Noble" werden wollte; Google Börsen-Chart zeigen nicht zu Google, weil Larry Page und Sergey Brin zu einem "Brockhaus" werden wollten.

Man kann ja die Samwer-Brüder und ihre reichlich aufgepumpte Internet-Rakete großflächig kritisieren (, was mm auch reichlich tut), aber zumindest legen sie echten unternehmerischen Mut an den Tag (Ihr Motto: "To become the world's largest internet platform outside the United States and China") und haben es damit sehr weit gebracht.

Uns fehlt es leider vielerorts an Selbstbewusstsein, Risikofreude und womöglich auch an Neugierde, was die Digitalwelt so bereithalten kann. SAP Börsen-Chart zeigen ist - neben dem Siemens-Sonderfall Infineon - das einzige IT-Unternehmen aus Deutschland mit Weltgeltung. Der Anteil der Milliardäre in Deutschland, die ihr Geld ererbt haben, ist im Welt-Vergleich betrübliche Spitze.

In der ablaufenden Woche hatte die Politik eine schöne Chance für ein Signal: Den Haushaltsüberschuss zum Halbjahr hätte sie nutzen können, eine Bildungsoffensive in Aussicht zu stellen und Zukunftsmut zu verbreiten. Stattdessen: Eine Neukonzeption "Zivile Verteidigung" (im Prinzip ja richtig), die in der Öffentlichkeit so ankommen musste, als sei es erste Bürgerpflicht in den kommenden Jahrzehnten, den Bestand an H-Milch und Salzstangen im Haushalt hoch zu halten.

Eine unerklärliche Verzagtheit deutet sich auch beim Gas-Konzern Linde Börsen-Chart zeigen an, dem eigentlich so stolzen Dax-Konzern, einer Ikone der deutschen Industrie. Die Münchener verhandeln mit dem Konkurrenten Praxair über einen Zusammenschluss und erwägen, den Konzernsitz herzugeben und sich auch sonst in die Juniorrolle zu fügen. Linde beschäftigt 66.000 Menschen, mehr als doppelt so viele wie die Amerikaner, und setzt mit 8,5 Milliarden Euro auch 85 Prozent mehr um. Aber weil das Management um CEO Wolfgang Büchele zuletzt ein paar falsche Entscheidungen getroffen hat, sind Gewinn und Börsenwert deutlich niedriger als bei Praxair.

Statt sich unter solchen Umständen in eine Fusion zu begeben, sollte Lindes Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle lieber daran arbeiten, die Ausgangsposition zu verbessern - um dann einen neuen Anlauf zu unternehmen.

Oder von was will Linde das Amazon werden?

Ein anregendes Wochenende wünscht Ihnen Ihr

Sven Clausen


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitag Nachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen, Steffen Klusmann und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.

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