Dienstag, 26. März 2019

Die Bilanz, an der selbst Analysten verzweifeln Das 250-Millionen-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard

Der Kopf hinter Wirecard: Vorstandschef Markus Braun

6. Teil: Die Warnung der Finanzanalysten

Unternehmen wie Wirecard, die stramm in Richtung Dax marschieren, also in einer Liga mit Siemens, Bayer und SAP spielen wollen, versuchen normalerweise, in ihrer Bilanzierung jeglichen Raum für Fehlinterpretationen zu schließen. Wirecards Umgang mit dem eigenen Zahlenwerk macht inzwischen auch renommierte Investmentbanken unruhig: So hob Credit Suisse Anfang Januar das Kursziel für Wirecard zwar an - betonte aber ausdrücklich, bei dem TecDax-Krösus handele es sich um eine "schwierige Story, mit unübersichtlichen Berichten und zahlreichen Zukäufe, die es zu verdauen gilt". Deutlich weiter ging jüngst Morgan Stanley - also Wirecards vermeintlicher Kronzeuge, was die Acquiring-Forderungen betrifft. Das Wall-Street-Haus stufte das Kursziel von 55 Euro auf 45 Euro herunter, weil "die Qualität des Wachstums Anlass zur Sorge" gebe.

Morgan Stanley hatte sich zuvor eingehender mit der größten der sechs asiatischen Akquisitionen beschäftigt, der indischen Unternehmensgruppe GI Retail. Diese hatte Wirecard für bis zu 340 Millionen Euro übernommen, was dem 49-fachen des Vorsteuergewinns von 2015 entsprach. GI Retail betreibt nach offiziellen Angaben in Indien rund 150.000 "Smart Shops" - kleine Läden, in denen lokale Agenten den Kunden verschiedene, aus westlicher Sicht eher rudimentäre Finanzdienstleistungen anbieten, darunter die Möglichkeit, Bargeld in elektroni-sches Cash zu verwandeln und das dann zu transferieren. Typischer Kunde ist ein Arbeiter auf Montage, der einen Teil seines Lohns an die Familie daheim schickt.

Um die Substanz des Zukaufs zu ergründen, schickte Morgan Stanley eine Art Detektivteam los, das sich 90 Arbeitsstunden lang auf die Suche nach den "Smart Shops" machen sollte. Die Fahnder entdeckten auf ihren stundenlangen Touren gerade mal einen einzigen dieser Shops - und sieben weitere nach vorheriger Internetrecherche.

Laut Morgan Stanley hat das lokale Wirecard-Management für das eher enttäuschende Ergebnis diverse Erklärungen. Viele Läden seien auf bestimmte Stadtviertel konzentriert - also offenbar Quartiere, in denen die Detektive nicht suchten. Zudem würden viele "Smart Shops" unter einer anderen Marke betrieben. In der Tat: Auch Morgan Stanley schränkt die Aussagekraft kraft der eigenen Ermittlungsarbeit ein Stück weit ein. Gespräche mit indischen Wettbewerbern hätten ergeben, dass GI Retail nach deren Einschätzung eine starke Präsenz im indischen Markt habe. Deshalb, so der Autor der Analystenstudie, falle das Rechercheergebnis unter dem Strich "gemischt" aus.

Eine ziemlich diplomatische Formulierung. Sie passt aber ganz gut zu Wirecard. Denn ein sehr gemischtes Gefühl ist genau das, was zurückbleibt, wenn man einmal in die Blackbox der vielgerühmten deutschen Tech-Perle vorgedrungen ist.

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