Samstag, 17. November 2018

E-Scooter und Co. unter Druck Was für Sharing-Dienste noch schwierig wird

Immer mehr Gefährte sammeln sich an Straßenrändern der Großstädte

Sie quellen aus Mülleimern, liegen verbogen in Ecken und stapeln sich am Straßenrand. In Kalifornien landet gerade der derzeit größte Investoren-Hype im Dreck - oder verstopft Bürgersteige: elektrische Tretroller. Bald sollen sie auch in Deutschland erlaubt sein.

Die kleinen Roller zeigen, wie sich der Wettstreit unter Unternehmen heiß läuft. Immer mehr Anbieter buhlen um Kunden, die mit den Leihautos, E-Rollern, Fahrrädern, E-Shuttles oder nun auch den elektrischen Scootern ihre Wege zurücklegen sollen - ob bloß die letzten Meter zwischen Bahnhaltestelle und Büro oder gleich den ganzen Weg zum Einkaufen.

In dem Kampf pumpen die Unternehmen und Investoren Milliarden in die verschiedenen Sharing-Dienste. Sie wittern einen lukrativen Markt, da die Mobilität in Städten ein drängendes Thema ist: Autos verstopfen die Straßen, Bahnen sind überfüllt. Gleichzeitig wachsen Städte in die Breite, sodass mehr und mehr Menschen weite Wege zurücklegen müssen. Die Strategieberatung Oliver Wyman schätzt, dass digitale Dienstleistungen für Reisende 2040 allein in Deutschland rund vier Milliarden Euro Umsatz generieren werden. Wer da ein wichtiger Player werden wolle, müsse jetzt handeln, schreiben die Berater in einer Studie. Noch sei offen, wer den Markt beherrschen werde.

Nicht alle können überleben

Auf dem Weg zur Pole Position stehen die Anbieter vor einer Reihe Unsicherheiten - wie den hohen Kosten. Sie müssen in eine große Flotte investieren, damit der Weg zum nächsten Gefährt für den Nutzer nicht weit ist. Niemand geht zwei Kilometer bis zum nächsten Rad oder Roller. Gleichzeitig sind die Einkünfte pro Fahrt recht niedrig und das Geschäft rechnet sich nur, wenn groß ausgerollt wird. Bei E-Tretrollern beispielsweise muss ein Scooter mindestens vier Mal pro Tag geliehen werden, damit es sich lohnt.


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Doch stehen die Gefährte im Weg, ärgern sich Stadtbewohner. Obike hat so für ein schlechtes Image der Leihradanbieter gesorgt. Nach der Pleite des Unternehmens musste die Stadt München dann noch liegen gebliebene Räder verschrotten.

Shuttle-Dienste - wie ihn VW mit Moia plant - versperren zwar keine Bürgersteige. Aber solche On-Demand-Angebote haben das Problem, dass sie ihre Kunden nicht zu lange warten lassen dürfen - sonst wird das Angebot unattraktiv.

Schließlich müssen Nutzer noch für jedes Gefährt eigens die passende App laden und Nutzerkonten anlegen - nicht sonderlich kundenfreundlich. Doch wie können die Services stattdessen in Zukunft aussehen?

Wie wichtig wird die Stadt?

Gunnar Froh ist Gründer des Hamburger Mobilitäts-Start-ups Wunder, das gerade 26 Millionen Euro von Investoren erhalten hat. Er bietet Unternehmenskunden eine Mobilitätsplattform an, die mit der Software ihr Carsharing und andere Leihservices bedienen können. Froh kann sich vorstellen, dass künftig Stadtverwaltungen eine aktivere Rolle einnehmen werden. "Sie könnten zum Beispiel entscheiden, dass Anbieter, die in einer Stadt vertreten sein wollen, sich auch in die Verkehrsapp der Stadt integrieren müssen."

Das könnte zugemüllte Bürgersteige verhindern und wäre auch für die Nutzer praktisch. Allerdings sprechen einige unbequeme Wahrheiten gegen das Szenario.

Skeptisch ist beispielsweise Berylls-Berater Matthias Kempf. "Die Städte haben zwar viele Ideen und Projekte, aber es findet zwischen den Expertengremien zu wenig Abstimmung und gemeinsame Planung statt." Kempf rechnet mit weiterem Wachstum des On-Demand-Marktes. Aber: "Damit neue Services wie das Pooling gut funktionieren, benötigen sie halbwegs freie Straßen und hohe Reisegeschwindigkeiten." Das zu erreichen, sei besonders in den staugeplagten Städten schwierig, die neue Lösungen dringend benötigten. In manchen Fällen könne da Regulierung helfen, um Innenstädte vom Autoverkehr zu entlasten, so Kempf. "Aber mit solchen Regeln macht man sich gerade im autoverliebten Deutschland natürlich nicht nur Freunde."

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