Dienstag, 20. November 2018

Kampf um die Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz Facebook vor dem Absturz? Eher das Gegenteil

Mark Zuckerberg, 33 Jahre alt.

Die Aufregung um den Daten-Missbrauch bei Facebook ist gesund und richtig. Der Konzern hat zugelassen, dass private Daten seiner Nutzer gestohlen wurden. Private Daten gehören zum innersten Eigentum des Menschen, wer sie besitzt, kann die Willensbildung manipulieren - für demokratisch organisierte, freiheitliche Gesellschaften ist das Gift.

Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg geben zwar vor, der Schutz der privaten Daten ihrer Nutzer sei ihr höchstes Bestreben, aber das steht in schizophrenen Widerspruch zu Facebooks Geschäftsmodell. Zuckerberg und Sandberg sind Scharlatane.

Trotzdem liegen diejenigen, die jetzt auf die umfangreiche Zähmung des Daten-Inhalators hoffen, spektakulär falsch. Wahrscheinlicher ist sogar, dass Facebook noch einflussreicher wird. Das hat im wesentlichen zwei Gründe.

Erstens fehlt die Aufregung der Nutzer, also der Basis, die Macht der Masse. Die Flucht aus Facebook oder WhatsApp ist in den vergangenen Tagen ausgeblieben.

Angela Merkel hat sich in ihrer Regierungserklärung am Mittwoch auf die soziale Marktwirtschaft berufen. Das ist in Deutschland nie verkehrt. Ein Kernversprechen sei der Schutz des Eigentums. Und was früher vielleicht eher Heim und Gärtchen bedeutete, bedeute jetzt: Schutz der persönlichen Daten.

Schön wäre es, aber der Vergleich ist naiv. Heim und Gärtchen haben in den 50er Jahren ff. die wenigsten Deutschen einfach so dahingegeben; persönliche Daten abzugeben, ist für Millennials kein Thema. Weil die Gegenleistung, die Dienstleistung von Facebook oder WhatsApp, ihnen einen höheren Gegenwert zu haben scheint als die Preisgabe ihrer Daten. Das ist zwar in Summe auch eine Fehlkalkulation - da hat die Kanzlerin natürlich Recht -, für den Einzelnen aber eben leider nicht.

Zweitens, womöglich entscheidender noch: Zwischen den USA und China tobt ein Kampf um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz. Deren Einsatzmöglichkeit ist praktisch unbegrenzt, auch Kriegsroboter gehören dazu. Russlands Präsident Wladimir Putin meint: "Wer auch immer bei der Künstlichen Intelligenz führend sein wird, wird die Welt beherrschen." Das stimmt wohl.

Die wichtigste Ressource zum Auf- und Ausbau Künstlicher Intelligenz sind, neben enormen Rechenleistungen (vulgo: Supercomputer): Daten. In China gibt es praktisch keinen Datenschutz, das autokratische Regime sammelt also wie ein Monster.

Die wichtigsten Datensammel-Stellen, die Washington dem entgegensetzen kann, sind Google, Apple, Amazon - und vor allem Facebook. Es wäre also politisch töricht, Facebook nun einem strengen Datenschutz zu unterwerfen. Deswegen werden die Untersuchungen der US-Behörden, die jetzt angelaufen sind, keine strenge Regulierung zur Folge haben. Die US-Regierung wird stattdessen weiterhin versuchen, selbst möglichst starken Zugriff auf die Facebook-Daten zu bekommen.

Wir befinden uns also mitten in einem Zeitalter der Daten-Aufrüstung. Nur anders als zu Zeiten der atomaren Aufrüstung ist der Gegner dieses Mal deutlich potenter. China zu einer Abrüstung zu bewegen, ist derzeit völlig utopisch. Realistischer ist, dass die Aufrüstung sich fortsetzt.

Und dazu soll Facebook einen Teil der Munition liefern.

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