Samstag, 23. Februar 2019

Siemens-Chef Kaeser Der Liebling lässt sich Zeit

Für viele Siemens-Aktionäre ist Joe Kaeser die Lichtgestalt: Noch steht er hoch in der Gunst der Anleger, doch schon bald muss er auch liefern

Siemens-Chef Joe Kaeser ist der Liebling der Aktionäre. Ihm traut im Prinzip jeder alles zu. Genau das ist sein Problem.

München - Seit einem halben Jahr ist Joe Kaeser Siemens-Chef, seit Jahrzehnten gar im Unternehmen - und dennoch war auf der Hauptversammlung so etwas wie ein Zauber des Anfangs spürbar. Sichtlich gelöst umgarnte Kaeser die Aktionäre, streute Anekdoten in seine Worte ein und wusste oft, wer gerade wo saß oder nicht am Platz war.

Einer Aktionärin versprach er, ihre Rente sei sicher. Einem Aktionär sagte er zu, Anglizismen aus den Bedienungsanleitungen von Siemens-Produkten zu streichen. Keinem wird es schlechter gehen, aber vielen besser - ein wenig klang das alles wie Helmut Kohl vor der Wiedervereinigung.

Auf Inhalte kam es in der Olympiahalle weniger an. Sicher, Siemens Börsen-Chart zeigen habe hier und da den Anschluss an die Wettbewerber verloren, sich überstürzt in waghalsige Projekte geworfen. Das sind die Lehren der Ära Peter Löscher. Aber Siemens sei eben auch kein Sanierungsfall.

Auf Dauer wird das in diesem Stil nicht gutgehen. Im Mai muss Kaeser klar sagen, wohin er mit Siemens eigentlich will. Schon jetzt ließen manche Aktionärsvertreter ihre Ungeduld durchblicken. Fast ein Jahr um eine neue Strategie zu entwerfen? Für einen, der schon seit vielen Jahren die Geschicke des Unternehmens mitsteuert, mutet das lange an.

Drückt Kaeser sich vor dem Moment, in dem er seine Ziele klar artikulieren muss? Oder ist er sich nicht sicher, wohin genau er den Konzern führen will? Es ist ja auch etwas anderes, nicht mehr "nur" die Finanzen eines Großkonzerns zu steuern, als die operative Strategie desselben selbst. In München hat Kaeser nicht durchblicken lassen, was er will.

So ist die schöne Zeit für Kaeser in vier Monaten wohl vorbei. Dann wird es manchem wehtun, dann wird womöglich mancher Investor aufheulen, weil ihm alles nicht schnell genug geht. Dann erst wird sich zeigen, ob Kaeser wirklich der Richtige für den Siemens-Chefsessel ist.

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