Sonntag, 22. Juli 2018

Jürgen Schmidhuber über die Zukunft künstlicher Intelligenz "Langfristig werden KIs schon ihr eigenes Ding drehen"

KI-Experte Jürgen Schmidhuber im Februar auf der New Work Experience des Karrierenetzwerks Xing in Hamburg

Fast jeder hat ein Stück Technik in der Tasche, das Jürgen Schmidhuber mit geprägt hat: Der Professor an der TU München gilt als Vater der modernen Künstlichen Intelligenz (KI). Die lernenden neuronalen Netze, die seine Teams am Schweizer KI Labor IDSIA (USI & SUPSI) und der TU München entwickelt haben, stecken in drei Milliarden Smartphones. Sie werden unter anderem in Facebooks automatischer Übersetzung, Googles Spracherkennung, Apples iPhone und Amazons Alexa genutzt. Schmidhuber ist Mitgründer und Chief Scientist der Firma NNAISENSE, die die erste praktische Allzweck-KI erschaffen will.

manager-magazin.de: Ihr erklärtes Lebensziel ist es, eine künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln, die klüger ist als Sie selbst, damit Sie in den Ruhestand gehen können.

Schmidhuber: Seit vielen Jahrzehnten, ja.

mm.de: Bevor Ihre eigene KI Ihren Job überflüssig macht: Wer ist vor Ihnen dran? Taxifahrer? Anlageberater? Simultandolmetscher? Radiologen?

Schmidhuber: Interessanterweise vor allem Männer. Deren Tätigkeiten sind oft leichter durch KI zu ersetzen als die der Frauen.

mm.de: Das müssen Sie erklären.

Schmidhuber: Viele Männer verfügen über eine Inselbegabung samt zugehörigem Tunnelblick. Sie können eine Sache wirklich gut, sind aber nicht allzu breit aufgestellt. Das macht sie anfällig für Automatisierung. Historische Beispiele: Viele Männer waren stärker als ihre Frauen, doch Maschinen sind schon seit Jahrhunderten noch viel stärker als Männer. Vor 25 Jahren war der beste Schachspieler der Welt noch ein Mann, keine Frau. Seit 20 Jahren ist er aber ein Rechner, kein Mann. Inselbegabte sind oft leichter zu ersetzen als die oft ziemlich universellen weiblichen Problemlöser. Bedienen wir bei der Gelegenheit ein Klischee: Bindet sich ein Mann die Schuhbänder und stellen Sie ihm eine Frage, dann muss er seine Tätigkeit unterbrechen (gilt natürlich nicht allgemein, aber tendenziell). Eine Frau beantwortet gleichzeitig die Frage, und hat noch dazu die Kinder im Blick. Im Moment jedenfalls sind KIs noch lange nicht so intelligent wie kluge Frauen. Aber wir arbeiten an KIs, die eine Million Inselbegabungen zugleich haben. Die werden dann schon ziemlich breit aufgestellt sein.

mm.de: Sie arbeiten auch an intelligenten Programmen, die menschliche Anlageberater übertreffen können. Und schon 2012 hat Ihr Team ein Programm entwickelt, das gelernt hat, Krebszellen zu erkennen, bevor sie bösartig werden. Da fallen ganze Berufsfelder weg - und zwar nicht für ungelernte, sondern für hoch qualifizierte Arbeitskräfte, oder?

Schmidhuber: Es ist nicht verkehrt, wenn wir uns Tätigkeiten abnehmen lassen, die ein künstliches neuronales Netzwerk besser erledigen kann als wir selbst. Viele Berufe fallen dabei aber nicht wirklich weg, sie ändern sich nur. Ein Arzt kann beispielsweise lernen, mit den neuen KI-Werkzeugen umzugehen, und dann mehr Menschen pro Tag gut behandeln als früher. Klar, wenn Autos autonom fahren, braucht man keine Taxifahrer mehr. Aber schon in der Vergangenheit haben Maschinen Arbeitsplätze massiv überflüssig gemacht. Noch vor einigen Jahrzehnten war eine Autofabrik voll mit Hunderten von arbeitenden Menschen. In derselben Fabrik stehen heute Hunderte von Robotern, und drei Leute schauen zu, was die Roboter machen.

Trotzdem haben Länder, in denen es viele Roboter pro Einwohner gibt, niedrige Arbeitslosenzahlen. Neue Jobs entstanden, die die Verluste ausglichen. Wie ich schon vor Jahrzehnten sagte: Es ist ziemlich leicht, vorherzusagen, welche Jobs verschwinden werden. Aber wirklich schwierig, zu prognostizieren, welche neu entstehen. Es gibt heute viele Berufe, mit denen vor 30 Jahren niemand gerechnet hat. Zum Beispiel Video-Blogger oder Influencer. Lauter nicht lebensnotwendige Berufe, für die es trotzdem einen veritablen Markt gibt. Der homo ludens, der spielende Mensch, erfindet ständig neue solche Berufe, die meist mit der Interaktion mit anderen Menschen zu tun haben. Wirklich lebensnotwendig sind nur ganz wenige Berufe: Bauer zum Beispiel. Um 1900 galt Deutschland noch als Agrarstaat, aber ein Bauer konnte jeweils nur eine Handvoll Menschen ernähren. Heute macht ein einziger Landwirt mehr als 130 Menschen satt.

mm.de: Sie sagen, viele Menschen werden von Ihrer künstlicher Intelligenz profitieren. Wie?

Schmidhuber: Viele profitieren heute ja schon von unserer KI. Mit Ihrem Smartphone können Sie eine Menge Dinge tun, die noch vor zehn Jahren Science Fiction waren. Die meisten Tiere verstehen keine Sprache, Ihr Handy aber schon, und zwar durch unsere lernenden Algorithmen. Und alle paar Jahre werden seine Antworten besser, weil Rechenkraft pro Jahrzehnt 100 Mal billiger wird. Viele Leute wären ohne ihr Smartphone nicht so klug und erfolgreich, wie sie es mit dem Gerät sind. Und wie vorher bereits angedeutet: Auch im Gesundheitssektor hilft künstliche Intelligenz, Diagnostik zu verbessern und Leben zu verlängern. Heute schon haben Leute durch unsere lernenden neuronalen Netze mehr Aussichten darauf, länger und gesünder zu leben als frühere Generationen. Eine gewaltige Hilfe für die Menschheit.

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