Sonntag, 22. Juli 2018

Börsenpannen als Ergebnis mangelhafter IT-Modernisierung Wenn Softwarefehler im Sekundentakt Millionen vernichten

Nachdem Computerprobleme auf dem Börsenparkett schon häufiger für Pannen gesorgt haben, legte dieser Tage ein Softwarefehler für fast vier Stunden die New Yorker Börse lahm. Das neue Beispiel zeigt: Software ist ungemein komplex geworden und Unternehmen, die an Wartung und Modernisierung sparen, setzen sich einem hohen Risiko aus

Für gewöhnlich gleicht das Parkett der Aktienbörse New York Stock Exchange (NYSE) einem Bienenstock, am 8. Juli 2015 blieb es an der Traditionsbörse allerdings ungewöhnlich still. Um 11.32 Uhr New Yorker Zeit war der Handel der weltweit ältesten und renommiertesten Börse komplett zusammengebrochen. Mit drei Stunden und 38 Minuten verzeichnete die NYSE, an der insgesamt 2.300 Firmen mit einem Wert von insgesamt 27.000 Milliarden US-Dollar gehandelt werden, die längste Panne ihrer Geschichte. Über mehr als die Hälfte des Handelstages konnten Investoren keine Aktien kaufen oder verkaufen. Glück im Unglück: Nur die New Yorker Börse war betroffen, an anderen Handelsplätzen konnte weiter gehandelt werden.

Die NYSE war Opfer eines eklatanten Softwarefehlers geworden, nannte "größere technische Schwierigkeiten" und "ein Problem mit der Konfiguration" der Computersysteme als Ursache. Als Grund für den Kollaps vermutete Tom Farley, Präsident der Wertpapierbörse, eine fehlerhafte Systemkonfiguration, die nach einem System-Update zustande gekommen war. Beim Installieren neuer Programmteile war folglich ein Software-Fehler aufgetreten, der den mehrstündigen Ausfall der Aktienbörse nach sich gezogen hatte. (Eine grafische Darstellung, die den schlagartigen Abbruch des Aktienhandels aufzeigt findet sich hier)

Johannes Bohnet
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    Seerene
    Johannes Bohnet ist Gründer von Seerene. Vor seiner Arbeit bei Seerene war Bohnet als Senior Consultant bei einem renommierten IT-Beratungsunternehmen tätig. Zudem leitete er den Bereich "Automatisierte Software-Analyse und Visualisierung" am Hasso-Plattner-Institut, dem deutschen Exzellenzcenter für Software Engineering.

Die Folgen des eklatanten Ausfalls waren entsprechend weitreichend: US-Präsident Barack Obama musste über die Handelsunterbrechung informiert werden, das U.S. Department of Homeland prüfte die Möglichkeit eines Cyberangriffs, das Finanzministerium und die Bundespolizei FBI wurden eingeschaltet und die US-amerikanische Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) nahm sich des Vorgangs an. Dennoch reagierten die betroffenen Börsianer relativ gelassen auf den Ausfall und versuchten ihre Geschäfte zu verlagern. Dass der Ausfall nicht in einer wirtschaftlichen Katastrophe oder gar einem Marktkollaps mündete, war nur dem komplexen Entwicklungsverlauf des Börsengeschäfts zu verdanken.

Diesmal verhinderte die Komplexität des Aktienmarktes eine Katastrophe

Ironischerweise war es ausgerechnet die Komplexität des US-amerikanischen Aktienhandels sowie dessen zunehmende Deregulierung und Fragmentierung, die dafür gesorgt haben, dass sich mit dem Totalausfall der NYSE keine wirtschaftliche Katastrophe verband. Das Gesicht der Börsenlandschaft hat sich schlichtweg verändert: Vereinte die New York Stock Exchange zum Ende der 1990er Jahre noch rund 80 Prozent der Marktanteile auf sich, ist dieser Wert mittlerweile auf 20 bis 25 Prozent gesunken. Immer mehr Handelsplätze konnten sich in den letzten Jahren etablieren und während mittlerweile rund 40 Prozent des Aktienhandels in sogenannten "Dark Pools" (bank- und börseninterne Handelsplattformen für den anonymen Handel mit Finanzprodukten) und auf alternativen Handelsplattformen stattfindet, teilen sich insgesamt elf Börsen den Rest des Handelsvolumens. (Eine grafische Darstellung, die die Umverteilung auf andere Handelsplätze zeigt, findet sich hier)

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