Samstag, 17. November 2018

Münchner IoT-Start-up ProGlove Warum BMW und Ikea auf diesen Handschuh setzen

Industrie 4.0: Warum BMW und Ikea auf diesen Handschuh setzen
ProGlove

Auf dem grauen Arbeitshandschuh steckt ein kleines, orangefarbenes Kästchen. Zahlreiche Mitarbeiter im BMW-Werk in Dingolfing tragen das unscheinbare Gerät: Es macht sie schneller. Früher mussten sie für jedes Teil, das in einem Wagen verbaut wird, einen Scanner zur Hand nehmen; jetzt übernimmt der Handschuh das Einscannen der Barcodes. Außerdem hilft er dabei, Fehler zu vermeiden: Bei einem falschen Schritt ertönt ein Warnlaut.

BMW Börsen-Chart zeigen kann damit Geld sparen und nutzt den Handschuh mittlerweile in jedem seiner europäischen Werke. Konzerne wie Ikea, Lufthansa Börsen-Chart zeigen, Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen und Penny verwenden den Handschuh in ihren Lagern. Entwickelt aber wurde der sogenannte ProGlove von einem noch jungen Unternehmen: dem Münchner Start-up Workaround. Das Unternehmen setze bereits mehrere Millionen Euro jährlich um und wachse stark, sagt Geschäftsführer Thomas Kirchner zu manager-magazin.de. Er hat Workaround 2014 gemeinsam mit Jonas Girardet, Paul Günther und Alexander Grots gegründet. Ihre Ziele sind ehrgeizig: Schon in drei bis fünf Jahren wollen sie die Umsatzmarke von 100 Millionen Euro knacken.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Start-up so viele namhafte Konzerne als zahlende Kunden gewinnt. Laut Kirchner liegt das daran, dass die Umstellung auf den Handschuh einfach sei: "Eine große Angst ist, dass SAP angepasst werden müsste und das Zeit und Millionen Euro kosten würde. Die Unternehmen können aber ihre alten Geräte aus- und ProGlove einstöpseln."

Unternehmen wenden sich IoT nur langsam zu

Komplizierte Integration ist ein Grund dafür, dass sich das "Internet of Things" (IoT) in Deutschland zögerlicher entwickelt als gedacht - also die Vernetzung von Gegenständen mit dem Internet. Viele Firmen sehen Hürden durch die zahlreichen unterschiedlichen Anbieter, zeigt eine Studie des Marktforschungsunternehmens IDC aus dem Frühjahr. Demnach haben von 444 befragten Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern nur ein Drittel IoT-Projekte oder -Tests eingeführt.

Am Weitesten ist dabei die Versicherungs- und Finanzbranche, wie auch zuletzt die 300-Millionen-Euro-Übernahme des Berliner IoT-Start-ups Relayr durch die Munich Re Börsen-Chart zeigen zeigte. Darauf folgt die Fertigungsindustrie, wo beispielsweise ProGlove eingesetzt wird. Hinterher hängt vor allem das Gesundheitswesen.

Von Lösungen durch die Vernetzung können Konzerne aber profitieren. Im Fall des Münchner Handschuh-Start-ups kann das so aussehen: ProGlove hat eine Menge Daten dazu gesammelt, wie sich Werker bei ihrer Arbeit bewegen. "Wir entwickeln nun eine Software, die für Unternehmen auswerten kann, wie sie ihre Prozesse in der Logistik verbessern können", so Kirchner.

Daneben baut sein Team ein weiteres Produkt. Ein smartes Display an einem Armband soll den Werksarbeitern eine Art Einkaufsliste für das Lager anzeigen und die kürzesten Wege für das Einsammeln berechnen. Bei einigen Kunden wird das Display laut Kirchner bisher getestet. Wann es fertig sein wird, kann er noch nicht sagen.

ProGlove wagt den Schritt in die USA

Während die Entwicklung von Hardware üblicherweise teuer ist, sind die Münchner bisher mit vergleichsweise wenig Geld ausgekommen. Das erste Kapital gewannen sie kurz vor der Firmengründung 2014 bei einem Start-up-Wettbewerb von Intel: 150.000 US-Dollar. "Im ersten Jahr finanzierten wir uns dann vor allem durch solche Wettbewerbe und einige Umsätze aus Pilotprojekten", blickt Kirchner zurück.

2016 sei der Handschuh-Prototyp dann bereit für die Produktion gewesen. Um die zu stemmen, habe man 2,2 Millionen Euro von Investoren eingesammelt. "Aber unser Fokus lag immer auf dem Umsatz", sagt Kirchner. "Das beste Zeichen dafür, dass das eigene Produkt funktioniert, ist, dass es auch jemand kauft." 2100 Euro kosten die Scanner von ProGlove, die Handschuhe extra. Laut Kirchner soll sich der Einsatz für die Konzerne nach drei Monaten rechnen.


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Vom Nutzen seiner Produkte will der Gründer nun Kunden in den USA überzeugen. An der Expansion nach Übersee arbeitet das Start-up mit seinen 100 Mitarbeitern seit Anfang des Jahres. Von Vorteil sei dabei, dass einige der europäischen Kunden auch in den USA vertreten seien. "Wir können uns mit ihnen ausweiten", so Kirchner. "Allerdings kennt uns in den USA natürlich noch niemand. Und ein deutsches Start-up ist da nicht von vorn herein interessant. Deswegen müssen wir Wege finden, um auf uns aufmerksam zu machen."

Für den Schritt hat ProGlove im April weitere 5,5 Millionen Euro von Risikokapitalgebern erhalten - der Investmentarm von Intel hat die Finanzierung angeführt. Kirchner sieht sich nun vor allem vor einer Herausforderung: den Vertrieb groß auszubauen. "Zehn Handschuhe zu verkaufen, ist nicht so schwierig. Bei großen Mengen aber muss aufwendiger verhandelt werden." Bisher sei sein Team sehr jung gewesen. Jetzt braucht er mehr Wissen in seinem Unternehmen. "Wir stellen erfahrene Vertriebler ein, die sich in der Industrie auskennen." Denn um das hochgesteckte Ziel zu erreichen, müssen die Umsätze weiter jedes Jahr vervielfacht werden.

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