Samstag, 17. November 2018

Die Disruption bleibt aus Warum Fintechs keine Banken-Killer werden

Innovation im Banking: Fintech: Diese Unternehmen mischen den Markt auf
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Das altmodische, langsame und satte Geldhaus war das Feindbild der jungen Fintech-Welle. "Ich brauch keine Bank, ich bau meine eigene", tönte allen voran Valentin Stalf, Chef der Start-up-Bank N26, als er 2015 gerade seine Banking-App gelauncht hatte. Die Gründer in der Szene sprachen von "Disruption" und sagten das Bankensterben voraus.

Um den Hype zu schüren, waren die großen Ansagen sicherlich nützlich. Mittlerweile ist aber deutlich, dass die Fintechs stärker von etablierten Partnern abhängen, als sie es sich vielleicht zu Beginn der Welle gewünscht hatten.

Ein Grund: Die Regulierung im Finanzsektor bremst nicht nur Banken, sondern auch Start-ups. So braucht zum Beispiel jedes Unternehmen, das Zahlungen abwickeln will, eine passende Lizenz der deutschen Finanzaufsicht (Bafin) - oder eben einen etablierten Partner mit einer solchen Erlaubnis.

N26 - heute Deutschlands erfolgreichste Start-up-Bank - setzte die ersten anderthalb Jahre auf eine Banklizenz des neuen DAX-Aufsteigers Wirecard. Im Sommer 2016 hatte das Start-up dann durch spendable Investoren genügend Rücklagen auf dem Konto und bekam eine eigene Erlaubnis von der Bafin.

Das Nutzerwachstum hat N26 hingegen bisher allein befeuert: Gerade verkündete CEO Stalf, die Marke von 1,5 Millionen Kunden erreicht zu haben. Das ist eine Ausnahme in der deutschen Fintech-Landschaft.

Damit sich die Geschäfte lohnen, müssen die jungen Firmen schnell eine Menge Kunden gewinnen. Denn die Margen im Sektor sind schmal - und auch das treibt Start-ups in die Arme starker Partner. "Die Etablierten haben den Zugang", sagt Oliver Dany, Geschäftsführer bei BCG Deutschland. Er und Patrick Meisberger, Geschäftsführer des Commerzbank-Investmentarms CommerzVentures, sind sich einig: Gehen die Start-ups den Weg alleine, sind die Kosten für die Kundenakquise hoch. Mit einem Partner müsse sich das Start-up zwar die Erträge teilen - "aber das kann sich rechnen", so Meisberger.

"Die Disruptions-Rhetorik vieler Start-ups war so nicht wahr"

Für Scalable Capital, das automatische Anlageberatung anbietet, hat eine Kooperation den Durchbruch gebracht. Seit die Direktbank Ing Diba ihre Kunden an den sogenannten Robo Advisor des Münchner Unternehmens weiterschleust, ist die Summe des Kapitals, das Scalable verwaltet, nach oben geschossen: auf mehr als eine Milliarde Euro. Die Zahl der Kunden hat sich gleichzeitig mehr als verdreifacht, wie eine Auswertung von "Gründerszene" zeigt. Jüngst schloss Scalable noch einen Deal mit einer Tochter der spanischen Santander-Bank: Die Openbank wird die Technologie des Start-ups unter ihrem eigenen Namen anbieten und dafür Gebühren zahlen.

"Die Disruptions-Rhetorik vieler Start-ups war so nicht wahr", sagt BCG-Manager Oliver Dany. "Dass Banken rasch ersetzt werden, sehen wir nicht, auch wenn es so an die Wand gemalt worden ist." Bisher finde Innovation eher auf der Produktebene statt. Aber: "Die Kunden bekommen dadurch eine neue Erwartungshaltung. Unabhängig davon, ob es N26 in fünf Jahren noch gibt oder nicht: Diese Haltung wird bleiben." Immer mehr Kunden würden zum Beispiel davon ausgehen, dass sie ein Bankkonto in wenigen Minuten eröffnen könnten.

So mussten auch Banken einsehen, dass sie die Fintech-Welle nicht abtun können. "Sie schaffen die Innovation von innen heraus in manchen Bereichen nur schwer", sagt CommerzVentures-Chef Meisberger.

Immer mehr Institute suchen daher Partnerschaften zu Start-ups, die klassischen Grenzen zwischen Bank und Fintech verschwinden. 64 Prozent der Institute arbeiten in irgendeiner Form mit einem Fintech zusammen. Mehr als jede vierte Bank hat ein eigenes Start-up gegründet, 30 Prozent planen eine Fintech-Einheit. Das ergibt eine aktuelle Untersuchung von Sopra Steria Consulting, bei der Führungskräfte in Banken mit Bilanzsummen über 500 Millionen Euro befragt wurden.

Der starke Wettbewerb kommt von woanders

Die Geldhäuser wollen weniger angreifbar werden und hoffen, Probleme ihrer rückständigen IT lösen zu können. Bestimmte Aufgaben werden deswegen an Start-ups ausgelagert.

Das eröffnet einen interessanten Bereich abseits des Kundengeschäfts. "Banken brauchen Lösungen, die sich in die Kernbanksysteme integrieren lassen", sagt Meisberger. Diese Systeme sind meist alt und wenig innovativ. Laut Meisberger gibt es Lücken, die viel eher Start-ups als Banken füllen - zum Beispiel Softwares für die Video-Identifikation oder das Aufdecken betrügerischer Aktivitäten. Dort liegt im Vergleich zum Privatkundengeschäft auch mehr Marge für die Start-ups, die an Gebühren für die Nutzung ihrer Software verdienen.


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BCG-Manager Dany beobachtet derzeit ein Plateau bei der Finanzierung des Booms. Er rechnet mit einer Konsolidierung: "Dass 90 Prozent aller Start-ups nicht überleben, gilt auch im Fintech-Sektor." Ein digitaler Markt mittlerer Größe vertrage üblicherweise zwei direkte Wettbewerber pro Thema, sagt er. "Wenn es nicht sogar nur einen Gewinner gibt."

Den wirklichen Wettbewerb für die Banken sieht Dany aus ganz anderer Richtung kommen: von Digitalkonzernen, die ihre Angebote mit Fintech-Lösungen erweitern. "Wenn Amazon zum Beispiel sein Lending-Angebot forciert, könnte das für die Institute sehr hart werden." Denn Partner, um Kunden zu gewinnen, brauchen Jeff Bezos und Co. sicherlich nicht.

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