Sonntag, 22. Juli 2018

Facebook-Chef kommt vor US-Kongress glimpflich davon Nach 4 Stunden ist Mark Zuckerberg drei Milliarden reicher

Zuckerberg im US-Kongress: Entschuldigen, lächeln, ausweichen
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AFP

Erstmals stellte sich der Facebook-Chef in einer Anhörung vor dem US-Kongress den kritischen Fragen von Abgeordneten. Er entschuldigt sich erneut, antwortet oft unverbindlich und ausweichend. Bei den Investoren zumindest hinterlässt er einen bleibenden Eindruck.

Klar, das ist ein Spektakel. Mehrfach schon war Mark Zuckerberg vor den Kongress geladen, bislang schickte er jedoch lieber seine Anwälte. Nun erscheint er endlich selbst, und halb Washington spielt verrückt.

Es gibt Live-Sendungen, einen Kampf um die besten Plätze im Saal, Hunderte Reporter und Besucher wollen bei einer der beiden Zuckerberg-Anhörungen auf dem "Hill" dabei sein. Einzelne Besucher verkleiden sich mit Perücke und Flagge als russische "Trolle". Auch die Politiker können es kaum abwarten: Schon vor der ersten Senatsanhörung sickert durch, wer Zuckerberg angeblich welche Fragen stellen will.

Für Zuckerberg geht es bei diesem Ausflug nach Washington um viel: Sein Unternehmen steht nach den diversen Skandalen um die US-Wahlen, "Fake News" und Cambridge Analytica unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Politik. Abgeordnete drohen Facebook und auch anderen Tech-Konzernen aus dem Silicon Valley mit neuen, schärferen Datenschutzbestimmungen. Wie wird der Facebook-Boss damit umgehen? Kann er die Politik, aber auch wichtige Investoren besänftigen?

Zuckerberg braucht keine Hilfe

Endlich betritt er den Saal 210: Etwas blass sieht er aus, fast wie ein Abiturient vor der entscheidenden Prüfung. Statt seines bekannten grauen T-Shirts trägt Zuckerberg einen blauen Anzug, begleitet wird er von einem Tross von Kommunikationsberatern und Managern seines Unternehmens. Sie nehmen hinter ihm Platz, als wollten sie ihrem Boss demonstrativ den Rücken stärken.

Aber schnell wird klar, Zuckerberg braucht keine Hilfe. Der Mann, der das größte soziale Netzwerk der Erde vor 14 Jahren in seinem Studentenzimmer in Harvard gründete und in ein Multimilliarden-Dollar-Unternehmen verwandelte, kann erkennbar auf sich selbst aufpassen. All jene, die hier den Sturz eines Ikarus erwartet haben, werden rasch enttäuscht. Zuckerberg hat sich gut vorbereitet. Er wird von den Senatoren zwar mit vielen Fragen "gegrillt", lässt sich aber trotzdem kaum aus der Ruhe bringen.

Patrick Leahy (links) lässt Plakate mit Hass-Posts und Fake-Accounts hochhalten

Um Kritikern gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen, entschuldigt er sich mehrfach für "Fehler, die wir, die ich gemacht habe" und gelobt Besserung. Facebook habe nicht genug unternommen, um den Missbrauch der Plattform zu verhindern, erklärt er. Das gelte sowohl für die Verbreitung von "Fake News" als auch für die Einmischung in die US-Wahlen aus dem Ausland oder den Missbrauch von Nutzerdaten wie im Fall Cambridge Analytica. "Das bereue ich."

Immer wieder wird Zuckerberg von den Abgeordneten attackiert. Mehrere Senatoren kritisieren den ihrer Ansicht nach vollkommen intransparenten Umgang der Firma mit den Daten der Nutzer. Die Datensammelwut des Unternehmens gehe schlicht zu weit und sei nicht klar nachvollziehbar, lautet die einhellige Kritik.

"Herr Zuckerberg, die Firma, die Sie gegründet haben, repräsentiert in vielerlei Hinsicht den 'Amerikanischen Traum'", sagt der Abgeordnete John Thune, ein Republikaner. "Aber Sie sind auch dafür verantwortlich, dass daraus nicht ein Albtraum wird."

Als Zuckerberg erklärt, wie sehr er die Einmischung Russlands in die US-Wahl über Facebook-Posts bedaure und wie hart sein Unternehmen nun unter anderem unter Einsatz von künstlicher Intelligenz daran arbeite, dass sich dies nicht wiederholen könne, wird er gleich von einem Abgeordneten ausgekontert. Senator Patrick Leahy lässt einen Mitarbeiter Schilder hochhalten, auf denen eine ganze Reihe von Hass-Posts und Fake-Accounts gezeigt werden, die immer noch bei Facebook auftauchen. "Was tun Sie dagegen?" fragt Leahy mit bebender Stimme.

Zuckerberg reagiert ausweichend. So wie häufig an diesem Tag gelobt er Besserung, ohne jedoch allzu konkret zu werden. "Wir haben noch nicht genug getan", sagt er. Oder: "Wir arbeiten intensiv an diesem Problem." Bei anderen Gelegenheiten benutzt er eine Standardantwort: "Ich werde das von meinem Team überprüfen lassen. Wir kommen dann nochmal auf Sie zu."

Alles-wird-gut-Botschaft

Das klingt ein bisschen wie die Ansage in einem Call Center, ist letztlich nicht sehr befriedigend, erfüllt aber seinen Zweck: Statt wirklich nachzubohren, gehen die meisten der 44 Fragesteller zum nächsten Thema über. Jeder Senator hat nur fünf Minuten Redezeit, die Fragen sind offenbar nicht untereinander abgestimmt. Das hilft Zuckerberg, seine eher nebulöse Alles-wird-gut-Botschaft unters Volk zu bringen.

Immer wieder gibt es zudem Momente, in denen er deutlich die Oberhand gewinnt und sogar den Saal zum Lachen bringt. "Wollen Sie eine Pause machen?" fragt Senator Thune den Facebook-Chef nach einer Weile. Zuckerberg antwortet fast fröhlich: "Och nein, meinetwegen können wir gerne weitermachen."

Später will Senator John Cornyn (Republikaner) wissen, ob Facebook immer noch nach dem Mantra verfahre: "Bewege Dich schnell und zerbreche Dinge" ("Move fast and break things"). Nein, das sei nicht mehr aktuell, entgegnet Zuckerberg. "Nun heißt es: 'Bewege Dich schnell mit einer stabilen Infrastruktur'. Aber das ist natürlich weniger sexy."

Nach gut vier Stunden ist die Show vorüber - und Zuckerberg wirkt sichtlich erleichtert. Auch die Börse scheint mit dem ersten großen Auftritt des Facebook-Chefs auf der politischen Bühne zufrieden zu sein. Der Kurs der Aktie an der Wall Street in New York schießt um mehr als 4 Prozent in die Höhe. Zuckerberg wird dadurch um geschätzte drei Milliarden Dollar reicher. Heute soll sein nächster Auftritt bei einer zweiten Anhörung im Kongress folgen.

Warnung für Zuckerberg

Weiterhin offen bleibt die Frage, ob Facebook und anderen Tech-Giganten schon bald schärfere Datenschutzbestimmungen oder andere Regularien durch den Gesetzgeber zu erwarten haben. Viele der US-Senatoren zeigen sich dazu bereit, die Privatsphäre der Nutzer durch strenge Auflagen besser zu schützen. Unklar ist jedoch, ob es für neue Gesetze eine Mehrheit gibt. Allzu starke Eingriffe des Staates in das freie Unternehmertum, sind gerade bei vielen Republikanern verpönt - und die haben die Mehrheit im Kongress. Zumindest noch.

Möglicherweise wollen die meisten Abgeordneten Zuckerberg und Co. deshalb eine letzte Chance geben, sich zu bessern.

Senator Bill Nelson (Demokraten) gibt dem Facebook-Chef eine deutliche Warnung mit auf den Weg: "Wenn Sie nicht in der Lage sind, die Angriffe auf die Privatsphäre der Nutzer zu verhindern, werden wir es tun."

Roland Nelles, Spiegel Online

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