Montag, 19. November 2018

Firma missbrauchte Millionen Facebook-Profile Facebook muss nach Datenskandal Regulierung fürchten

Das umstrittene Treiben der Datenanalysefirma Cambridge Analytica war Facebook-Chef Mark Zuckerberg seit 2015 bekannt. Doch jetzt erst zieht der Konzern Konsequenzen

Facebook-Chef Mark Zuckerberg verbannt die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica von seiner Plattform. Sie soll Zugriff zu den Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern gehabt und damit den US-Wahlkampf aber auch die Brexit-Abstimmung beeinflusst haben. Mit der Verbannung dürfte Zuckerberg das Problem noch nicht gelöst haben. Erste US-Senatoren fordern den Manager auf, vor dem Justizausschuss auszusagen.

Facebook hat die Datenanalyse-Firma, der eine wichtige Rolle beim Wahlsieg von Donald Trump nachgesagt wird, ausgesperrt. Cambridge Analytica und ihre Dachgesellschaft SCL hätten entgegen früheren Zusicherungen bis 2015 gesammelte Informationen über Facebook-Nutzer nicht gelöscht, begründete das Online-Netzwerk seinen Schritt.

Cambridge Analytica soll der Trump-Kampagne entscheidend dabei geholfen haben, mit als Werbung geschalteten gezielten Botschaften bei Facebook seine Anhänger zu mobilisieren und zugleich potenzielle Wähler der Gegenkandidatin Hillary Clinton vom Urnengang abzubringen.

Dass die Firma eine Rolle bei Trumps Wahlkampf - und auch der Brexit-Entscheidung in Großbritannien - gespielt hat, ist seit über einem Jahr bekannt. Darüber, wie groß der Beitrag der Firma war, wurde jedoch stets diskutiert. Eine Erklärung dafür, warum Facebook sich 2015 mit einer Zusicherung der Vernichtung der Informationen begnügte, als die Weitergabe von Umfragedaten unter Facebook-Nutzern an Cambridge Analytica erstmals bekannt wurde, bleibt der Konzern auch weiterhin schuldig.

Die Aktie von Facebook Börsen-Chart zeigen gab am Montag in der Spitze mehr als 8 Prozent nach. Facebook steht schon länger wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten und ihrem möglichen Missbrauch unter großem politischem Druck in den USA und Europa. Daher dürfte der aktuelle Fall die Diskussion um gesetzliche Regelungen weiter anheizen.

US-Senatorin will Mark Zuckerberg vor Justizausschuss vorladen

So wurden noch am Wochenende in den USA wieder Rufe nach strengeren Auflagen für Facebook laut. Es sei deutlich geworden, dass die Internetdienste sich nicht selbst regulieren könnten, schrieb die demokratische Senatorin Amy Klobuchar auf Twitter. "Sie haben gesagt, 'vertraut uns'. Mark Zuckerberg muss vor dem Justizausschuss des Senats aussagen", forderte die Ausschussangehörige.



Nicht genug: In einem gemeinsamen Brief mit dem republikanischen Senator John Kennedy fordert Klobuchar den Vorsitzenden des Senatsgerichts Chuck Grassley auf, neben Zuckerberg auch die Vorstandschefs von Google und Twitter zu einer Anhörung vorzuladen. "Facebook, Google und Twitter haben beispiellose Mengen von persönlichen Daten gesammelt und verwenden diese beim Verkauf von Werbung, einschließlich politischer Werbung", schrieben die Senatoren.

"Die fehlende Kontrolle darüber, wie Daten gespeichert werden und wie politische Werbung verkauft wird, wirft Bedenken hinsichtlich der Integrität amerikanischer Wahlen und der Rechte auf Privatsphäre auf", zitiert der englischsprachige Dienst der Nachrichtenagentur Reuters aus dem Brief. Klobuchars Parteikollege Mark Warner verglich die Lage in der Online-Werbebranche mit dem Wilden Westen. Es sei klar, dass "dieser Markt weiter anfällig für Betrug und durch mangelhafte Transparenz geprägt sein wird, wenn er unreguliert bleibt".

Über das Ausmaß des Datenzugriffs gibt es jedoch unterschiedliche Angaben. Die "New York Times" berichtete am Wochenende unter Berufung auf frühere Mitarbeiter von Cambridge Analytica, die Firma habe Zugriff auf Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Mitgliedern ohne deren Zustimmung erhalten. Aus den Erklärungen von Facebook geht hervor, dass allerdings beim absoluten Großteil dieser Nutzer nur Grund-Informationen zum Profil zugänglich gewesen seien.

Zugriff auf Daten von 50 Millionen Facebook-Mitgliedern

Vertieftes Wissen erhielt Cambridge Analytica laut Facebook aber über Menschen, die die 270.000 Mal heruntergeladene Umfragen-App ausfüllten. Die scheinbar harmlose Umfrage mit dem Namen "thisisyoudigitallife" versprach Nutzern einen Persönlichkeitstest.

Ihr Initiator, Professor Alexandr Kogan von der Cambridge-Universität, habe dafür von den Nutzern die Erlaubnis zum Zugriff auf ihre Informationen erhalten. Die Umfrage war als wissenschaftliche Forschung deklariert. Dann habe aber Kogan "uns belogen" und Daten an Cambridge Analytica und SCL sowie den Datenanalytiker Christopher Wylie weitergegeben, erklärte Facebook. "Es war ein Betrug", sagte Facebook-Manager Paul Grewal der "New York Times".

Zusätzlich zu den Informationen der Nutzer, die direkt an der Umfrage teilnahmen, bekam die App eingeschränkten Zugang zu Profildaten ihrer Facebook-Freunde, die entsprechend lockere Datenschutz-Einstellungen haben, erklärte das Online-Netzwerk. Das ist in solchen Fällen bei Online-Plattformen oft üblich und könnte die Zahl von Millionen in Mitleidenschaft gezogenen Mitgliedern erklären. Es wären aber deutlich weniger wertvolle Informationen. Dem "Guardian" zufolge öffnete jeder, der die Umfrage ausfüllte, Zugang zu solchen Daten von im Schnitt 160 weiteren Nutzer. Facebook machte seinerseits keine Angaben zur Gesamtzahl der betroffenen Mitglieder.

"Haben Facebook ausgenutzt, um Millionen von Menschen zu profilieren"

Die über die Umfrage gesammelten Daten halfen dabei, Nutzer in verschiedene psychologische und politische Kategorien einzuordnen und die Zielgruppen entsprechend zu adressieren.

Der heute 28-jährige Christopher Wylie tritt jetzt als Whistleblower auf und legte Informationen zur Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica unter anderem der "New York Times" und der britischen Zeitung "Guardian" offen.

"Wir haben Facebook ausgenutzt, um Millionen von Menschen zu profilieren. Wir haben Modelle gebaut, um das auszubeuten, was wir über sie wussten und ihre inneren Dämonen ins Visier zu nehmen. Das war die Grundlage auf der das gesamte Unternehmen aufgebaut war", zitiert zum Beispiel der "Guardian" Wylie in einem Beitrag vom Wochenende.

Seine Unterlagen enthüllen eine noch tiefere Verstrickung von Cambridge Analytica in den Wahlkampf als bisher bekannt: So habe die Firma Wikileaks Hilfe bei der Verbreitung der gestohlenen E-Mails von Hillary Clinton angeboten. Sie waren nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden von russischen Hackern gestohlen worden und ihre Veröffentlichung trug mit dazu bei, dass Trump die US-Präsidentenwahl im November 2016 gewann. Auch habe Cambridge Analytica der russischen Ölgesellschaft Lukoil eine Zusammenarbeit angeboten.

rei mit Nachrichtenagenturen

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