Sonntag, 22. Juli 2018

Mehr Wettbewerb für digitale Plattformen  Facebook braucht Konkurrenz - und Inhalt, der umziehen kann

Facebook in der Kritik: Texte, Fotos, Kontakte können nicht zu einem anderen Dienst übertragen werden - auch wenn der Nutzer die Plattform verlassen möchte. Das sollte sich ändern

Facebook, Twitter, Amazon und Co. sind für viele Menschen zum Rückgrat ihrer Internetnutzung geworden. Eine sinnvolle Regulierung könnte den Wettbewerb der Plattformen stärken - dies liegt im Interesse der Nutzer. Das Ziel: Mehr Transparenz, mehr Innovation und mehr Verantwortung gegenüber den Nutzern.

Die digitale Wirtschaft benötigt - genauso wie ihr realer Gegenpart - Regeln. Die sollten allerdings mit Fingerspitzengefühl entworfen werden, schließlich gilt: Etwaige Regulierungsvorstöße von Digitalplattformen dürfen keinesfalls dazu führen, lediglich die Position der Marktführer zu zementieren. Vielmehr soll durch eine ausgewogene Regulierung sichergestellt werden, dass auch neue Akteure Fuß fassen können und ein nachhaltig wettbewerbsfreundliches Klima herrscht.

Mathias Oberndörfer
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    Mathias Oberndörfer ist Managing Partner und Bereichsvorstand Öffentlicher Sektor bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Für einen lebendigen Wettbewerb müssten Maßnahmen im europäischen, bestenfalls im globalen Rahmen geschaffen werden. Dies ist keine leichte Aufgabe: Eine länderübergreifende regulatorische Angleichung mag beispielsweise bei U-Bahnen, Stromnetzen oder Lastcontainern durchaus vorstellbar sein. Bei Online-Plattformen wie Facebook hingegen ist so etwas ungleich schwerer umzusetzen. Grund sind die unterschiedlichen Gesetzgebungen der einzelnen Länder, besonders was Datenschutz und Wettbewerbsrecht betrifft.

Im Bereich der Personendaten zeigt beispielsweise die Einführung der europäischen Datenschutz-Grundverordnung am 25. Mai, was möglich ist. Die Verwendung personenbezogener Daten ist darin etwa erst einmal untersagt, es sei denn, die Nutzer willigen ein.

Beispiel Musikindustrie: Gesunder Wettbewerb der Anbieter

Wie ein verantwortungsbewusster Umgang mit Regulierung aussehen kann, zeigt das Beispiel der digitalen Musikanbieter: Noch vor wenigen Jahren schien dieses Geschäftsmodell wegen ungezügelter Aktivitäten wie Filesharing und illegaler Downloads am Ende zu sein. Dann entwickelte sich ein gesunder Wettbewerb mit verschiedenen großen legalen Plattformen.

Eine vorschnelle Regulierung hätte diese Wertschöpfung zerstört und damit auch den individuellen Nutzerkomfort zunichte gemacht, der nun durch eine ausreichende Anzahl an Alternativangeboten möglich ist.

Daten transportabel machen - Content zieht mit dem Nutzer um

Ein entsprechender Wettbewerb sollte auch bei sozialen Netzwerken und digitalen Plattformen im Allgemeinen gefördert werden. Allerdings ist dort der Wechsel zu anderen Diensten schwer. Ein Transfer ist praktisch nur dann möglich, wenn man bereit ist, seinen digitalen Content zurückzulassen.

Texte, Fotos, Kontakte, etc. können nicht zu einem anderen Dienst übertragen werden - auch wenn der Nutzer die Plattform verlassen möchte.

Was wäre aber, wenn Nutzer ihren digitalen Content wieder mitnehmen könnten? Wären die Daten transportabel und der Nutzer freier im Wechsel der Plattform, könnte das einen gesunden Wettbewerb befeuern.

Eine weitere Maßnahme könnte auch ein bei jeder Plattform verfügbares Nutzerkonto mit eingebettetem Workflow-Management sein: Auf diese Weise könnten die Nutzer jederzeit einsehen, wer wann auf welche Daten zugegriffen hat.

Somit würde der Umgang mit den persönlichen Daten zum Entscheidungsfaktor: Geht die Konkurrenz besser mit den teilweise sensiblen Nutzerinformationen um, wechselt der Nutzer eben.

"Umsonst" gibt es nicht

Aber, könnte jetzt eingewendet werden, kann man denn von einem kostenlosen Angebot überhaupt angemessene Transfermöglichkeiten und Transparenz erwarten? Ja, denn "umsonst" ist in der digitalen Wirtschaft gar nichts. Ob nun mit Geld oder mit Daten bezahlt wird, spielt keine Rolle, der Nutzer gibt immer etwas ab.

Soll eine wirkliche Transparenz - unter Umständen sogar mit der Möglichkeit des Datentransfers zu Wettbewerbern - hergestellt werden, ist es wahrscheinlich, dass sich die Plattformen diese Option von den Nutzern bezahlen lassen werden. Dieses Modell haben bereits die werbungsfreien Fernsehangebote vorgemacht, von denen viele schon seit Beginn des Streamingmarktes mit einem gestaffelten Angebot arbeiten.

Verantwortungsvolle Nutzer schaffen

Immer noch ist vielen Online-Nutzern der Wert ihrer Daten nicht bewusst. Hier ist die Politik gefragt: Bereits früh in der Schule sollte über das digitale Ökosystem aufgeklärt werden, um auf diese Weise eigenständige und verantwortungsvolle Nutzer zu erziehen. Ferner muss die Politik gewährleisten, dass Bürger auch dann gesellschaftlich teilhaben können, wenn sie keine Daten von sich auf digitalen Plattformen preisgeben möchten.

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Am Ende muss es fair bleiben, wenn die Möglichkeit besteht, mit Daten oder eben Geld zu bezahlen. Eine Instanz muss sich damit auskennen und beurteilen können, welcher Preis - in Geldmitteln oder Daten - angemessen ist. Glücklicherweise sind deutsche Politiker für das Thema Regulation sehr sensibilisiert; sie wissen, dass zu viel Regulierung genauso schädlich sein kann, wie zu wenig.

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