Donnerstag, 17. Januar 2019

Digital Trend 2019 Wir tokenizen Omas Haus

Vom Unternehmensanteil bis zu Omas Haus - überall werden vituelle Tokens eine Rolle spielen
Getty Images
Vom Unternehmensanteil bis zu Omas Haus - überall werden vituelle Tokens eine Rolle spielen

"Tokenizing" wird eines der digitalen Buzzwords 2019. Vom Unternehmensanteil bis zu Omas Haus - überall werden vituelle Tokens eine Rolle spielen. "Echt jetzt?", werden Sie denken. Tokens, das ist doch sowas wie Bitcoin und der ganze Kram. Ist das nicht out?

Fast richtig. 2018 war das Jahr, in dem der Bitcoin abstürzte. Und es war das Jahr, in dem sich virtuelle Börsengänge auf Basis von Krypto-Währungen, sog. ICOs (Initial Coin Offerings) zum Teil als hanebüchene Betrugsfälle entpuppt haben. "Start ups" sammelten Geld von begeisterten Krypto-Investoren ein. Dabei bestand die einzige unternehmerische Aktivität der "Gründer" im Abzocken. Der Blog "The Financial Telegram" hat ausgerechnet, dass mehr als 1,6 Milliarden Dollar an Investitionsvolumen betrügerischen Projekten zugeordnet werden konnten. Einer der spektakulärsten Betrugsfälle wurde durch einen Nutzer bei Reddit ins Rollen gebracht, der Fotos von den leeren Büroräumen eines Unternehmens veröffentlichte, das gerade 60 Millionen Dollar eingesammelt hatte.

Das deutsche Unternehmen Savedroid (https://www.savedroid.de) verkündete im April, das es mit seinen Investorengeldern auf Nimmerwiedersehen verschwindet, ließ aber anschließend verkünden, es sei nur ein PR-Gag gewesen.

Jens-Uwe Meyer
  • Copyright:
    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
    www.jens-uwe-meyer.de

Ist der Höhenflug jetzt vorbei? Nein. Er hat gerade erst begonnen. Es ist gut, dass der Bitcoin abstürzte. Denn er war zur Spekulationsblase geworden. Wer schnelles Geld suchte und ganz einfach Gewinne machen wollte, war vom Bitcoin magisch angezogen. Jetzt kehrt wieder Normalität ein. Kryptowährungen werden nicht nur als spekulatives Investment angesehen, sondern als das, was sie sind: ein solides intelligentes Währungssystem für die Zukunft.

Kryptowährungen und ICOs, das schien 2018 wie das Rotlichtviertel des Internets

Der Bitcoin wird klassische Währungen nicht ersetzen, sondern beispielsweise eine Verrechnungseinheit für Dienstleistungen werden, die bislang entweder bar abgewickelt wurden oder nur schwer bezahlbar waren. Nehmen Sie zum Beispiel einen Ideenwettbewerb zur Nutzung von Schwarmintelligenz: Der Beitrag eines jeden Einzelnen zu einer Idee, der häufig nur aus einer Anregung bestand, konnte bislang schwer entlohnt werden. Wenn 20 Kreative aus zehn verschiedenen Ländern an einer Idee mitarbeiten, ist die anschließende Abrechnung in Form von klassischer Rechnungsstellung, der Verrechnung der Umsatzsteuer und manueller Überweisung von Kleinstbeträgen eine Katastrophe. Social Collaboration wird erst durch virtuelle Währungen wie den Bitcoin wirklich möglich.

Rätselhaft: Warum fallen normale Menschen auf ICO-Betrug herein?

Stellen Sie sich vor, jemand spricht sie auf der Straße an. "Ich habe eine tolle Geschäftsidee zu einer megawahnsinnigtollen Internetplattform, einem revolutionären neuen Marktplatz. Ich habe es sogar geschafft, ein paar Seiten dazu zusammenzuschreiben. Wir werden das neue Google!"

Jetzt mal im Ernst: Würden Sie darin investieren? Ohne dass es ein Produkt gibt? Ohne dass sich die Idee in irgendeiner Form bewiesen hat? Das einzige Versprechen: Sie bekommen einen Gutschein zum Sonderpreis, mit dem Sie auf der neuen tollen Internetplattform aktiv werden können. Das ist so, als würde Ihnen jemand im Rotlichtmilieu sagen: "Ich mache eine neue Bar auf. Ich habe weder ein Grundstück noch eine Baugenehmigung und eigentlich auch noch nie eine Bar betrieben. Wenn Sie mir aber jetzt Ihr Geld geben, erhalten Sie zehn Getränke zum halben Preis."

In der Phase eines Hypes verfliegt der normale Menschenverstand schnell. Wenn alle Besucher des Rotlichtviertels dem virtuellen Barbetreiber die Tür einrennen und aus unerklärlichen Gründen Schlange stehen um ihr Geld los zu werden - vielleicht würden Sie es dann sogar auch tun.

So haben ICOs in diesem Jahr teilweise funktioniert. Mit Hilfe der Blockchain wurde eine virtuelle Währung kreiert, die an Investoren ausgegeben wurde. Die Tatsache, dass die Währungen einen coolen Namen hatten, neue Technologien im Spiel waren und alle Anhänger der Kryptoszene auf diese Art von Geschäftsmodellen flogen, sorgte für den bekannten Effekt der kollektiven Gehirnabschaltung.

2019 wird das Jahr der Security Tokens

2019 wird anders. Denn die Krypto-Szene lernt in atemberaubender Geschwindigkeit dazu. STOs sind das neue Zauberwort. Wie der Name Security Token Offering bereits sagt steht im Hintergrund eine Sicherheit. Es ist so, als würde der künftige Barbetreiber zu Ihnen sagen: "Das Haus habe ich bereits und Sie erhalten einen Anspruch auf 1 % des Werts als Sicherheit."

STOs werden - so die gängigen Prognosen von allen Experten, mit denen ich in diesem Jahr das Thema diskutiert habe - ICOs künftig ablösen. Untrügliche Anzeigen dafür sind, dass seriöse Bankinstitute wie die Volksbank Mittweida die Abwicklung solcher Transaktionen (das "Tokenizing") durch Geschäftskonten unterstützen und dass Anwälte wie der promovierte Währungsexperte Dr. Wolfgang Richter Unternehmen dabei unterstützen, Security Token Offerings seriös und rechtssicher durchzuführen.

Mit Neufund ist in Berlin eine Plattform für diese Anlageformen an den Start gegangen, die die visionären Ideen der Kryptoszene mit deutscher Gründlichkeit und Rechtssicherheit verbindet.

2019 wird das Jahr der STOs. In Zukunft können Sie damit auch Omas Haus in Tokens verwandeln. Sie nehmen einen Teil des Werts und generieren virtuelle Anteile. In Buzzword-Sprache ausgedrückt: Sie "tokenizen" das Haus. Diese können Sie dann an Investoren herausgeben, die entweder einen Teil der Mieteinnahmen erhalten oder an der Wertsteigerung partizipieren. STOs haben den Charakter, Anlage wirklich von Grund auf neu zu definieren. Sie sind eine nachhaltige radikale Innovation der Finanzbranche.

Eine kurze Prognose: Auch diese Anlageform wird den üblichen Zyklus des Wahnsinns durchlaufen. Sie wird zunächst vollkommen überbewertet werden, aus rationalen Gründen in ungeahnte Höhen schießen und dann wieder auf dem Boden landen. Trotzdem: Mit STOs werden virtuelle Anlageformen erwachsen.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung