Dienstag, 23. Oktober 2018

Antwort auf drei zentrale Fragen Was einen echten Digital Leader ausmacht

Digitalisierung: Man muss Veränderung wollen, können und machen
Ryan Etter / Getty Images
Digitalisierung: Man muss Veränderung wollen, können und machen

Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Unternehmenslenker ein Bekenntnis zur Digitalisierung abgibt. Doch ein medienwirksamer Besuch im Silicon Valley und das Ablegen der Krawatte machen noch keinen Digital Leader. Jenseits aller Ankündigungen und guten Absichten müssen Unternehmen drei zentrale Fragen beantworten.

Um es direkt am Anfang deutlich zu sagen: Digitalisierung bedeutet Veränderung! Und die muss man zunächst einmal wirklich wollen. Viele Verantwortliche tun sich hier schon schwer, denn eigentlich wollen sie von ihrem Erfahrungswissen und den erarbeiteten Positionen weiter so profitieren wie in der Vergangenheit. Das führt aber in der Regel zu einer Verteidigungshaltung, einem Festklammern am Status Quo - und das funktioniert angesichts der tiefgreifenden Veränderungen durch die Digitalisierung nicht mehr. Denn diese werden von außen aggressiv an die Unternehmen herangetragen und können nicht von innen heraus verwaltet werden.

Digital Leader wollen Digitalisierung

Tobias Kollmann
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    Tobias Kollmann ist Professor für BWL und Wirtschafts-Informatik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Schwerpunkte sind E-Business und E-Entrepreneurship.

Hinzu kommt, dass in den meisten Anreiz- und Belohnungssystemen von Geschäftsführern und Vorständen die Ergebniszahlen aus dem laufenden Stammgeschäft im Vordergrund stehen, nicht die mutige und risikoreiche Ausrichtung auf neue digitale Geschäftsmodelle. Dadurch verkümmern viele vermeintliche Digitalisierungsoffensiven zu einer reinen IT-Automatisierung, um vorhandene Prozesse noch effizienter zu machen. Das Ergebnis sind dann eher inkrementelle als disruptive Fortschritte.

Auch dass der Mensch - insbesondere mit zunehmendem Alter - Veränderungen grundsätzlich eher kritisch gegenübersteht, hilft beim dynamischen Thema Digitalisierung überhaupt nicht weiter, da die Veränderung ja gerade ihr wesentliches Merkmal ist. Das Durchschnittsalter von Geschäftsführern liegt in Deutschland bei 51 Jahren, bei Aufsichtsräten sogar bei 59 Jahren. Wo früher Erfahrung ein wesentliches Qualitätsmerkmal war, ist es heute der Faktor Ausprobieren. Das bedingt aber Entscheidungen unter Unsicherheit - und dafür sind die aktuellen Strukturen unserer Wirtschaft überhaupt nicht ausgelegt. Es widerspricht auch der deutschen Kultur der klaren Planung und mehr oder weniger abgesicherten Prognose.

Von daher muss die Frage nach dem Wollen in vielen Unternehmen schon als kritisch betrachtet werden. Wer allerdings wirklich digital sein will, muss die Veränderungen im Kopf starten. Also wollen! Das Digital Mindset ist die erste wesentliche Komponente für einen echten Digital Leader. Dabei ist das freiwillige Wollen allemal besser, als von neuen digitalen Wettbewerbern dazu gezwungen zu werden.

Digital Leader können Digitalisierung

Nach dem Wollen stellt sich schnell die zweite Frage, nämlich die nach dem Können. Digitale Veränderungen sind kein technischer Knopf, den man so einfach so drücken kann. Es geht vielmehr um das konkrete Wissen und das zugehörige Knowhow rund um eine digitale Wertschöpfung. Die Grundlagen der digitalen Ökonomie sind unerlässlich für jeden Manager.

Neben Fach- und Sozialkompetenz wird er künftig zwingend auch Digitalkompetenz brauchen, um unternehmerisch führen zu können. Und das gilt nicht nur für die Führungsetagen, sondern für jeden Mitarbeiter im Unternehmen. Digitale Werte, digitale Wertschöpfung, digitale Wertschöpfungsketten als Grundlage digitaler Geschäftsmodelle müssen jedem in Fleisch und Blut übergehen. Alle wirtschaftlichen Aktivitäten sind immer auch von einer digitalen Handelsebene aus zu betrachten und alle Maßnahmen ganzheitlich zwischen einem analogen und einem digitalen Handelsraum zu bedenken.

Untersuchungen haben gezeigt, dass das Wissen rund um digitale Technologien, digitale Ökonomie und digitale Märkte in den Führungsetagen nicht besonders ausgeprägt ist. Da hilft nur "Manager zurück auf die digitale Schulbank". Nur durch konkrete Weiterbildung lässt sich der innere digitale Schweinehund besiegen, und die Voraussetzung dafür ist, dass auch erfahrene Unternehmenslenker den Mut haben zu erkennen, dass sie nochmals lernen müssen.

Ob die Alphatiere der analogen Wirtschaft diese Mühe auf sich nehmen werden, ist fraglich, zumal diese Kompetenz nicht einfach delegiert werden kann. Ein Chief Digital Officer (CDO) ist zwar sinnvoll für die konkrete Umsetzung, aber das entbindet alle anderen Entscheider nicht davon, sich selbst eine kompetente Knowhow-Grundlage für die strategische Ausrichtung des Unternehmens zuzulegen. Das Können ist daher die zweite wesentliche Komponente, die einen Digital Leader ausmacht - aber auch diese Digital Skills sind bei vielen deutschen Unternehmen kritisch zu sehen.

Digital Leader machen Digitalisierung

Was letztlich zählt, ist die konkrete Umsetzung digitaler Projekte. Alle Beteiligten werden daran gemessen, was konkret passiert und wie das Unternehmen und seine Mitarbeiter auf diesem Weg mitgenommen werden. Dabei stehen die drei "digitalen Ps" im Mittelpunkt: Prozesse, Produkte und Plattformen, beziehungsweise deren Aufbau und Gestaltung. Die Automatisierung von Prozessen ist eine schlichte Notwendigkeit, ebenso die Beantwortung damit zusammenhängender Fragen wie Digital Customer Journey, Dynamic Pricing, Interaktives Bestellwesen, Tracking und so weiter.

Daneben wird die Digitalisierung der Produkte eine immer wichtigere Rolle spielen: Sensoren, Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Fernwartung sind hierzu nur einige Stichworte. Nicht außer Acht gelassen werden darf aber auch der Aufbau digitaler Plattformen, denn diese haben sich als überlegendes Geschäftsmodell im Netz erwiesen.

Sie haben sich als neue Datenmacht zwischen Anbieter und Nachfrager geschoben, das ist eine zentrale Lesson to Be Learned aus dem digitalen B2C-Bereich. Im B2B-Bereich haben wir diese dominierenden digitalen Player noch nicht, und man darf dies als Aufforderung verstehen, die noch guten Marktzugänge in diesem Bereich aus der realen Welt zu nutzen, um wenigsten hier nicht auch noch den Zug gegenüber Amazon B2B, Alibaba & Co. zu verpassen.

Leider haben wir derzeit keine echten digitalen Weltmarktführer aus Deutschland, was zu dem Schluss führt, dass es auch mit dem Machen hierzulande nicht weit her ist. Die Digital Execution ist aber die dritte wesentliche Komponente, die einen Digital Leader auszeichnet.

Fazit: Da die Digitalisierung nicht mehr aufzuhalten ist, müssen wir das digitale Zeitalter aktiv gestalten und gemeinsam das Deutschland 4.0 für unsere digitale Wirtschaft bauen. Dies wird abhängig sein von einem Digital Mindset (Wollen), den Digital Skills (Können) sowie der Digital Execution (Machen) - und damit von den Digital Leadern, die unsere Unternehmen ins digitale Zeitalter führen.

"Nieten in Nadelstreifen" hieß einmal ein bekanntes Wirtschaftsbuch. Auf eine einen Titel "Digitale Nieten in Nadelstreifen" können wir in Bezug auf unsere etablierten Unternehmen gut verzichten. Auf "Digitale Nieten in T-Shirts" in Bezug auf unsere Startups übrigens auch.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) im Bundeswirtschaftsministerium. Kollmann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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