Montag, 19. November 2018

Deutschlands digitaler Dilettantismus Warum es einfach nicht reicht

Ein dickes Kabel allein reicht nicht - Digitalisierung ist ein komplexes Vorhaben
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Ein dickes Kabel allein reicht nicht - Digitalisierung ist ein komplexes Vorhaben

Eine digitale Vision haben die meisten deutschen Unternehmen: Doch das allein reicht nicht, warnt der Tech-Stratege Ralf Sauter vom Beratungshaus Horváth.

mm.de: Wie viel Prozent der deutschen Unternehmen haben eigentlich eine Digitalstrategie - und wie stehen sie im weltweiten Vergleich damit da?

Sauter: In der deutschen produzierenden Industrie hat fast jedes Unternehmen einzelne Digitalisierungsprojekte aufgesetzt. Das reicht aber nicht. Unsere aktuelle Studie zeigt, dass gleichzeitig die allermeisten Unternehmen über Schwierigkeiten klagen, die auf eine fehlende Digitalisierungsstrategie hindeuten: Starre Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten, Funktionsbereichsegoismen und Zeitprobleme in der Umsetzung. Ich würde sagen, dass lediglich 20 bis 30 Prozent der produzierenden deutschen Unternehmen eine umfassende Digitalisierungsstrategie definiert haben. Im internationalen Vergleich liegen wir hier insbesondere gegenüber den USA zurück.

mm.de: Was braucht es eigentlich für eine Strategie - Tech-Berater, Fachmagazine - oder zuerst einmal gesunden Menschenverstand?

Sauter: Das Problem mit dem Menschenverstand ist, dass man erst im Nachhinein sagen kann, ob dieser "gesund" war. Zuallererst braucht es den Unternehmer, der die Marktchancen durch Digitalisierung erkennt, kreativ aber dennoch realistisch ist und ein interdisziplinäres Team inspirieren und organisieren kann. Zur Erarbeitung von überzeugenden Digitalisierungsstrategien braucht es immer Fachwissen aus vielen verschiedenen Bereichen, beispielsweise zur Frage des Kundennutzens, der Prozesse oder der technologischen Machbarkeit. Hier kann Rat von außen inspirieren und helfen.

mm.de: Gibt es Standardfehler, die dabei immer wieder gemacht werden?

Sauter: Ja, wir treffen oft den "Feigenblatt"-Fehler an. Man hat einzelne Digitalisierungsprojekte wie zum Beispiel digitale Produkte definiert und wiegt sich dann in Sicherheit. Die Frage, wo es Ansatzpunkt für digitale Geschäftsmodelle gibt, wie durch Digitalisierung Prozesse verbessert beziehungsweise Kundennutzen geschaffen werden kann, wird dann nur noch halbherzig bearbeitet. Nach einer gewissen Zeit stellt man fest, dass neue Themen umgesetzt werden müssen und die Ressourcen fehlen, weil kein klarer Fokus vorhanden ist. Das endet dann häufig in Kompetenzgerangel, Zeitmangel und unklaren Verantwortlichkeiten, wie unsere Studie zeigt.

mm.de: Welche Rolle spielt die Psyche dabei? Immerhin heißt es immer wieder, die Digitalisierung werde viele Jobs überflüssig machen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, eine Belegschaft mitzunehmen…

Sauter: Die Mitarbeiter verstehen sehr gut, dass durch die Digitalisierung Jobs wegfallen werden, aber auch neue entstehen. Die Motivation lässt sich durch eine offene Kommunikation und durch Taten aufrechterhalten. Wenn die Mitarbeiter begreifen, wie sich das Unternehmen durch die Digitalisierung im Wettbewerb einen Vorsprung erarbeiten kann, welche neuen Jobprofile entstehen und wie sie sich weiterqualifizieren können, motiviert sie das. Das gilt insbesondere für flexible Mitarbeiter.

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