Sonntag, 23. September 2018

Deliveroo verlässt zehn deutsche Städte Foodora und Deliveroo - wo der Liefer-Hype an Grenzen stößt

Ein Fahrradkurier des Lieferdienstes Deliveroo

Die Fahrer von Foodora und Deliveroo tragen pink oder türkis und bringen Mahlzeiten an die Haustür. Eine neue Ära der Essenslieferung sollte so beginnen: weg von der lauwarmen Wabbelpizza, hin zum saftigen Burger aus dem hippen Kiezrestaurant.

Damit das angesagte Essen den Weg bis zum Kunden findet, stellen die Start-ups den Lieferdienst. Die Restaurants zahlen den jungen Firmen dafür eine Provision.

Eine gehypte Idee: Geldgeber investieren seit Jahren Millionen in die beiden Unternehmen. Beim Start kämpften sie mit dicken Marketingbudgets um Aufmerksamkeit. Vor einem Jahr beschloss Deliveroo aus London dann, in Deutschland ernst zu machen. Gleich in neun neue Städte brachte das Unternehmen sein Angebot. "Unser Ziel ist es, langfristig Marktführer in Deutschland zu werden", sagte Landeschef Felix Chrobog damals.

Doch das Vorhaben ist gescheitert. Zehn Städte in Deutschland gibt Deliveroo jetzt wieder auf: Düsseldorf, Hannover, Essen, Bonn, Dortmund, Stuttgart, Dresden, Essen, Leipzig, Nürnberg und Mainz. Das bestätigt das Start-up gegenüber dem Branchenportal Gründerszene. Stattdessen wolle man in die größten deutschen Städte wie Berlin und Hamburg investieren. Zu den Gründen äußerte sich Deliveroo auf Anfrage von manager-magazin.de bisher nicht.

Der Schritt zeigt, wie schwierig das Geschäft trotz des Hypes bleibt. Deliveroo hat zwar seit der Gründung 2012 fast 860 Millionen US-Dollar von renommierten Investoren wie Fidelity erhalten. Aber das ist auch nötig, denn das Geschäft verbrennt viel Geld. Neben Deutschland ist das Start-up in elf weiteren Ländern aktiv - und nur der Heimatmarkt in Großbritannien soll profitabel sein.

Die Verluste sind hoch

Das Berliner Unternehmen Foodora ist derweil bei Delivery Hero untergeschlüpft. Das Mutterunternehmen ist an der Börse notiert und mit reichlich Kapital ausgestattet, um das teure Geschäft noch etwas auszuhalten.

Aktuelle Zahlen geben die Start-ups nicht preis. Allerdings zeigt ein Delivery-Hero-Bericht aus dem Frühling 2017 die Probleme des Geschäfts. Jede Bestellung über die App brachte der Tochter Foodora damals 10,20 Euro ein. Nach Abzug des Lohns für den Fahrer und der Zahlungsgebühren blieben davon nur 1,70 Euro übrig.

So hat das Berliner Start-up 2017 hohe Verluste geschrieben. In Deutschland verlor die GmbH 10,6 Millionen Euro, in Frankreich waren es 9,9 Millionen und in Australien umgerechnet etwa 4,8 Millionen Euro. Auch Schweden, Kanada und Norwegen machten Miese, wie der Geschäftsbericht zeigt. Der Umsatz von Foodora ist nicht bekannt. Auf Nachfrage hieß es vom Unternehmen, man habe ein "ausgezeichnetes erstes Halbjahr mit hohem Wachstum" gehabt.

Jitse Groen, Chef von Takeaway, kennt sich in der Branche aus. Er betreibt Portale wie Lieferando, wo Kunden bei Restaurants bestellen können, die selbst ausliefern. Seit einiger Zeit beschäftigt auch er eigene Fahrer, um das Angebot zu vergrößern und Kunden zu halten. Aber: Es ist ein "sehr schlechtes Geschäftsmodell", sagte er dem manager magazin kürzlich, "unmöglich profitabel zu betreiben". Sein Kerngeschäft hingegen werfe starke Margen ab.

So stark, dass auch Deliveroo jetzt auf das Modell aufspringt und Restaurants mit eigenen Lieferdiensten auf seine Plattform lässt. Man erhofft sich davon mehr Bestellungen und höhere Einnahmequellen.

Kritik am Umgang mit den Fahrern

Ein großes Problem der ursprünglichen Idee ist, dass die Start-ups mehr Geld verdienen, wenn ihre Fahrer weniger Lohn erhalten. Das bringt ihnen immer wieder massive Kritik ein. Vor wenigen Tagen veröffentlichte der Labour-Politiker Frank Field einen Bericht, in dem es heißt, Deliveroo zahle manchen Fahrern in Großbritannien nur zwei bis drei Pfund pro Stunde.

In Deutschland ließ das Start-up außerdem die Verträge mit fünf Fahrern in Köln auslaufen, die zuvor einen Betriebsrat aufgesetzt hatten. Wie "Zeit Online" berichtete, hieß es in einer internen Mail, dass man den Betriebsräten keine Vertragsverlängerung anbieten könne, "da dies mit der Geschäftsstrategie nicht in Übereinstimmung zu bringen ist".

Nach außen hin ist Deliveroos Argument stets: Den Fahrern gefalle die Flexibilität der freiberuflichen Tätigkeit. Gegen gute Arbeitsbedingungen hätten sie sicherlich trotzdem nichts einzuwenden.

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