Mittwoch, 18. Juli 2018

Medienkrise Gruner + Jahr a.D.

Lukrative Immobilie: Das Verlagshaus von Gruner + Jahr steht direkt an der Elbe und ist in der Nähe der Hamburger Hafencity

Bertelsmann übernimmt Gruner + Jahr ganz. Die Familie Jahr zieht sich nach langem Ringen zurück. Für den Verlag ist damit sicher, dass eben nichts mehr sicher ist.

Hamburg - Die Geschichte der Medienkrise in Deutschland ist um ein weiteres Kapitel reicher. Die Familie Jahr hat nach langem Ringen ihren Anteil in Höhe von 25,1 Prozent an Gruner + Jahr an Bertelsmann verkauft. Europas einst größtes Zeitschriftenhaus verliert damit die Gründer-DNA. Bertelsmann könne jetzt endlich durchregieren, meint manch ein Beobachter - und verkennt damit die vergangenen Jahre.

Das Ende von Gruner + Jahr ("Stern", "Geo", "Capital", "Brigitte"), so wie es Nostalgiker noch kannten, begann spätestens im August 2012. In diesem Monat erschien im manager magazin ein Artikel mit dem Titel "Jahr und Amen". G+J ist über den Spiegel Verlag am manager magazin beteiligt. Der damalige Vorstandschef Bernd Buchholz erfuhr über den Artikel, dass er an der Spitze des Unternehmens nicht mehr erwünscht ist. Irgendjemand im Umfeld des Mutterkonzerns oder auch an anderer Stelle ließ ihn via Presse anonym wissen, er habe die "Zugkraft einer Spielzeuglokomotive". Gleichsam bescheinigte man dem Manager, er habe seine Hausaufgaben nicht gemacht, die Digitalisierung verpennt.

Den Jahrs wurde zugleich vorgerechnet, dass der Wert ihres Anteils schrumpft. Es wäre für sie also ein guter Zeitpunkt, an Bertelsmann zu verkaufen.

Genauso wie alle anderen Medienunternehmen hatte die Krise Gruner + Jahr erfasst. Doch während andere Medienkonzerne wie Axel Springer oder Burda Media sinkende Auflagen und wegbrechende Anzeigenerlöse über Neugeschäfte wie E-Commerce oder Rubrikenzukäufe abfederten, gab es bei Gruner + Jahr nichts zum Abfedern. Auf der digitalen Habenseite stand nichts. Schuld daran waren sicherlich Fehler in der Strategie durch das Management, aber auch Gesellschafter, die kurzsichtig erst an ihre Rendite dachten und die allumfassende strukturelle Medienkrise eher von sich schoben.

Seit 2012 geht es für Gruner + Jahr nun deshalb Schlag auf Schlag. Bernd Buchholz musste gehen, Julia Jäkel wurde Vorstandsvorsitzende, die defizitäre "Financial Times Deutschland" wurde eingestellt, mehr als 300 Mitarbeiter mussten gehen. Wer glaubte, dass das Haus mit dem Ende der "FTD" 2012 Zeit gewonnen hatte, der hatte sich getäuscht. Bald mussten sich auch bei den einst unantastbaren Heften wie der "Brigitte" die ersten Mitarbeiter einen neuen Job suchen. Weitere Manager gingen, andere wurden installiert; das Büro in München wurde geschlossen, manches Geschäft im Ausland infrage gestellt und manch anderes gar verkauft.

Vor wenigen Wochen kam dann die nächste schlechte Nachricht. Gruner + Jahr muss noch weiter schrumpfen. In den kommenden drei Jahren wolle das Unternehmen 400 Stellen streichen und damit 75 Millionen Euro einsparen. Auch der bis dato sakrosankte "Stern", das Flaggschiff des Hauses, blieb nicht verschont.

Niedriger Übernahmenpreis für die Anteile der Jahrs

Es wurde also längst durchregiert. Alle diese Entscheidungen hat der Gruner + Jahr-Vorstand in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Bertelsmann und den Jahrs getroffen. Dass Bertelsmann als Mehrheitsgesellschafter dabei durchaus Druck ausgeübt hat, dies ist zweifelsohne so. Alles andere wäre eher überraschend. Und die Jahrs? Sie haben dem Vernehmen nach in den vergangenen Jahren alle Entscheidungen mitgetroffen. Allerdings dauerte es bei dem einen oder anderen Familienmitglied länger zu akzeptieren, dass sinkende Auflagen und Anzeigenvolumina nicht nur vorübergehende Dellen, sondern struktureller Natur sind.

Vor zwei Jahren hatten sich die Jahrs noch gegen einen Verkauf beziehungsweise einen Tausch der Anteile an Gruner + Jahr in RTL- oder Bertelsmann-Anteile gewehrt. 550 Millionen Euro soll damals noch der Wert ihrer Beteiligung betragen haben. In bar hätte Bertelsmann diesen Betrag niemals bezahlen wollen.

Nun hat Bertelsmann aber doch in bar bezahlt - und zwar deutlich weniger. Ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag wird genannt. Dem Vernehmen nach etwas mehr als 100 Millionen Euro. Weder Bertelsmann noch Winfried Steeger, der Geschäftsführer der Jahr Holding, wollen die Summe bestätigen. Bertelsmann übernimmt in diesem Zug auch alle Pensionsverpflichtungen, immerhin mehr als 600 Millionen Euro sind dort zu verbuchen.

Für Gruner geht es weiter wie bisher, nämlich Schlag auf Schlag. Das Unternehmen wird weiter schrumpfen. Von einigen Geschäften hat sich Gruner bereits getrennt. Nach 2,07 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2013 wird 2014 höchstens ein Erlös von 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro erwartet. Der Betriebsgewinn war 2013 um knapp zehn Prozent auf 193 Millionen Euro gesunken.

Verkauf des Verlagshauses am Baumwall wird geprüft

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe deutete bereits einen Umzug an. Das gut gelegene und lukrative Gebäude am Hamburger Baumwall könnte verkauft werden, Mitarbeiter in andere Räumlichkeiten in Hamburg umsiedeln. Das frühere Management um Bernd Buchholz hatte es 2010 noch für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag zurückgekauft.

Von Filetieren oder einem vollständigen Verkauf will Rabe derzeit nichts wissen. Angesichts sinkender Umsätze und Gewinne in der Printbranche und einem schmalen Digitalgeschäft, wäre Gruner + Jahr derzeit ohnehin kein attraktives Übernahmeobjekt für Außenstehende. Bertelsmann und die Jahrs waren sich aber einig, dass sich das Unternehmen angesichts der strukturellen Krise und der neuen digitalen Herausforderungen schneller wandeln muss, dass man keine Zeit mehr zu verlieren habe. Beide seien nun völlig frei in ihren Entscheidungen und könnten investieren in wen und was sie wollen, ohne an die Grenzen irgendwelcher Gesellschafterverträge zu gelangen.

Es ist denkbar, dass Gruner + Jahr irgendwann einmal den gleichen Weg wie der Buchverlag Random House gehen und mit einem anderen europäischen Medienhaus fusionieren muss. Es ist aber auch denkbar, dass Bertelsmann jetzt tatsächlich mal in das Zeitschriftenhaus investiert - immerhin sät und erntet der Medienkonzern aus Gütersloh nun alleine.

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