Montag, 17. Dezember 2018

Net Mobile Telefonkonzern kauft sich eigene Bank

Vorbild für Net Mobile ist der Mutterkonzern NTT Docomo aus Japan - dort sind mobile Bezahlsysteme bereits weit verbreitet

Der Telekomkonzern Net Mobile will den Markt für mobile Bezahlsysteme erobern und schluckt kurzerhand Deutschlands kleinste börsennotierte Bank. Ziel der Übernahme: Die Vollbanklizenz des Instituts. Nach Expertenmeinung dürften sich für solche Zulassungen bald auch Apple und Google interessieren.

Hamburg - Einst gründeten 108 ehrbare Männer den Vorschussverein zu Werther - so wissen es die Chronisten über die Ursprünge der Bankverein Werther AG zu berichten. Nach 134 Jahren ist die traditionsreiche Privatbank nun Geschichte, die für wohlhabende Kunden in Westfalen Vermögensverwaltung und Wertpapiergeschäfte anbot.

Zum 1. November wurde die Regionalbank als Tochtergesellschaft in den Net Mobile Konzern integriert, der wiederum seit rund drei Jahren zu NTT Docomo gehört, dem größten japanischen Mobilfunkbetreiber. "Die Werther Bank war ein idealer Kandidat für eine Übernahme", sagt Theodor Niehues, Chef der Net Mobile AG. Die Bank sei klein, aber börsennotiert. Zudem hatte die Werther Bank nach einer Krise und einer darauf folgenden Restrukturierungsphase in den vergangenen Jahren bereits ihre Bilanz durch Sonderabschreibungen bereinigt. Versteckte Altlasten musste Niehues also im Zuge der Übernahme kaum fürchten.

Aber was will ein Telekommunikationskonzern unter internationalem Management überhaupt mit einer kleinen Regionalbank, die außerhalb Westfalens kaum jemandem ein Begriff ist - und die schon seit Ende der Neunziger Jahre als sanierungsbedürftig galt? Mit dem klassischen Regionalgeschäft der Bank konnte Net Mobile jedenfalls nichts anfangen: Zum 1. Dezember ging die Bielefelder Bankrepräsentanz mit rund 7000 Privat- und Firmenkunden, 14 Mitarbeitern, der Marke "Bankverein" und einer Immobilientochter an den lokalen Konkurrenten, die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold. Der eigentliche Grund für die Übernahme ist ein anderer.

"Wir können wir auch die europaweit gültige Vollbanklizenz der Werther Bank nutzen", sagt Net Mobile-Chef Niehues. Und eben diese Lizenz braucht das Münchener Unternehmen, um die Strategie seines japanischen Mutterkonzerns in Deutschland umzusetzen: "In Japan ist das Bezahlen per Mobiltelefon bereits sehr verbreitet. Unser Mutterkonzern NTT Docomo hat für den japanischen Markt mobile Bezahllösungen entwickelt, die auf diesen Wachstumsmarkt abzielen", erklärt Niehues. Auch in Europa, ist er überzeugt, wird das Geschäft mit mobilen Bezahldienstleistungen in den kommenden Jahren anziehen. "Nur mit einer Vollbanklizenz können wir europaweit entsprechende Angebote auf den Markt bringen." Denn beim Mobile Payment richten die Mobilfunkanbieter für ihre Kunden eigene Abrechnungskonten ein. Um etwa Zinsen auf die Guthaben zahlen zu können, braucht man eine Banklizenz - ohne diese Erlaubnis der Aufsichtsbehörde BaFin sind Bankgeschäfte strafbar.

Topkonzerne als Vorbild

Eine eigene Banklizenz zu beantragen, ist allerdings aufwändig und teuer: "Unternehmen müssen fünf Millionen Euro Startkapital aufbringen und qualifiziertes Personal einstellen, das den Ansprüchen der BaFin genügt", erklärt Martin Faust, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance and Management. "Außerdem gilt es, viele rechtliche Vorgaben bei der Abwicklung der Bankgeschäfte und im Risikomanagement einzuhalten."

Große Konzerne wie Siemens Börsen-Chart zeigen, Eon Börsen-Chart zeigen, MAN Börsen-Chart zeigen oder RWE Börsen-Chart zeigen sind diesen Weg gegangen und haben eigene Banken gegründet, die nur für das eigene Unternehmen tätig sind und kein Privatkundengeschäft betreiben. "Die Unternehmen wollen sich dadurch unabhängiger von ihren Banken machen und etwa überschüssige Liquidität im eigenen Unternehmen verwalten. Mit einer Banklizenz können sie direkt mit der Zentralbank zusammenarbeiten, was insbesondere bei einer Bankenkrise ein Vorteil ist", erklärt Faust. Dass ein Unternehmen eine Bank übernimmt, statt eine eigene Lizenz zu beantragen, sei hingegen eher unüblich. "Dieser Weg kann allerdings durchaus eine sinnvolle Alternative sein." Wenn sich ein passender Übernahmekandidat findet.

Den Konzernstrategen von Net Mobile und NTT kam die kleine Werther Bank, die nach vielen verlustreichen Jahren im Private Banking mitten in einer Restrukturierungs-Phase steckte, gerade recht: Die Privatbank brauchte dringend zahlungskräftige Investoren und ein tragfähiges Geschäftsmodell für die Zukunft. Und statt mühsam eigene Bankstrukturen und ein Management aufzubauen, die einer BaFin-Prüfung standhalten, kann Net Mobile die Werther Bank ganz nach ihren Vorstellungen formen, gemeinsam mit dem bestehenden Management und unter dem formalen Mantel der gültigen Lizenz. Für beide Seiten eine vorteilhafte Verbindung. "Die Übernahme durch NTT Docomo sehe ich als krönenden Abschluss der Restrukturierung", sagt Alexander Eichner, scheidender Aufsichtsratschef der Bankverein Werther AG.

Eichner ist als Berater und Interims-Manager auf Restrukturierungen spezialisiert und kam auf Wunsch einiger Aktionäre zur Umstrukturierung der Bank. "Damals befand sich die Bank in einer schwierigen Situation", sagt Eichner. "Der frühere Vorstand war gerade abgelöst worden, und ich habe Klagen auf Schadenersatz gegen das Management wegen der Vergabe von übermäßig riskanten Krediten betrieben. Aufsichtsratsposten wurden von Generation zu Generation vererbt statt nach Fachkompetenz besetzt", erinnert sich Eichner. "Der Restrukturierungsansatz des neuen Vorstands wirkte zudem nicht wie erhofft und verschlimmerte die Situation sogar. Es drohte zeitweise gar der Lizenzentzug durch die Bafin."

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