Freitag, 16. November 2018

Aufstieg Brasilien wird zum heimlichen IT-Riesen

Rio de Janeiro: Der größtenteils noch unerschlossene IT-Markt Brasiliens wächst mit atemberaubenen Tempo

Brasilien ist längst nicht mehr nur Rohstofflieferant, sondern plötzlich Hightech-Produzent der Zukunft. Denn das Land zieht nach Autoindustrie und Schiffbau eine IT-Branche hoch. Mit einem eigenen Tablet-PC macht ein brasilianischer Hersteller nun gar Jagd auf Apple. 

Rio de Janeiro - Ein Tablet-PC aus Brasilien? So wie Apples iPad, aber ganz auf die "brasilianischen Bedürfnisse" zugeschnitten und von brasilianischen Ingenieuren entwickelt? Das ist eine Steilvorlage für Danilo Gentili, einen der angesagtesten Kabarettisten des Landes. In seiner Late-Night-Show hält er mit ernster Miene etwas Flaches hoch, das von hinten aussieht wie ein iPad.

"Dieses Wunderwerk brasilianischer Ingenieurskunst hat alle Funktionen, die ihr braucht …" - er wendet das Tablet: es ist bloß ein Tischtaschenrechner - "…alle vier Funktionen! Und das Beste: Dank neuester Technologie kann man von Ziffern auf Buchstaben umschalten, indem man das Gerät einfach auf den Kopf stellt." Er dreht den Taschenrechner um 180 Grad und die Ziffern "50738" auf der LED-Anzeige lesen sich auf den Kopf gestellt wie "BELOS" - auf Portugiesisch "die Schönen".

So schöne Witze können Menschen über ihr Land machen, wenn sie einigermaßen locker auf sich selbst blicken können - weil es aufwärts geht, die Arbeitslosigkeit rasant sinkt und die großen Krisen auf der anderen Erdhalbkugel einschlagen.

Und da Humor eine soziale Funktion ist, zeugt der brasilianische von einer gewaltigen sozialen Stärke, die sich in der neuen Internet- und Computer-Ära in besonderen Einheiten messen lässt: in Tweets und Facebook-Mitgliedern. Nach den USA und Großbritannien ist Brasilien der aktivste Twitter-Markt der Welt, rund 7 Prozent aller Mininachrichten kommen von dort.

Twitter: Rafinha Bastos hängt Obama und Lady Gaga ab

Kabarettist Gentili bringt es auf zwei Millionen Twitter-Fans, sein Comedy-Partner Rafinha Bastos gilt mit zuletzt rund 3,1 Millionen sogar als einflussreichster Twitterer überhaupt, noch vor Barack Obama und Lady Gaga. Und der Landeschef von Facebook berichtete kürzlich auf einer Web-Messe, das Netzwerk habe in Brasilien mehr als 25 Millionen Mitglieder und allein im Juli zwei Millionen neue gewonnen. Denn da ist noch viel Luft nach oben: Auf knapp 200 Millionen Einwohner kommen derzeit erst 80 Millionen Internet-Nutzer.

Brasilien ist nicht nur Eisenerz- und Öllieferant, Soja- und Rindfleischexporteur, sondern auch der Überraschungskandidat unter den Technologiemärkten und Hightech-Produzenten der Zukunft. In Länderreports wird das größte Land Südamerikas oft noch als Paradies für Staudammbauer, Turbinenkonstrukteure oder Hersteller möglichst robuster Kleinwagen und Pickups gepriesen. Dabei ist Brasilien längst weiter.

"Der IT-Markt in Brasilien ist wirklich außerordentlich schnell gewachsen", sagt Hélio Rotenberg, Vorstandschef des größten brasilianischen Computerherstellers Positivo Informatica, dem manager magazin. Nach Schätzungen des Martkforschers IDC ist Brasilien seit dem zweiten Quartal dieses Jahres hinter den USA und China der drittgrößte PC-Markt. "Und dabei", sagt Rotenberg stolz, "haben wir so reife Volkswirtschaften wie Großbritannien und Japan überholt."

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