Samstag, 21. Juli 2018

Boykott Wikileaks-Domain abgestellt

Der Druck steigt: Wikileaks ist nur noch über die IP-Adresse erreichbar. Dies kann zu längeren Wartezeiten nach Eingabe der URL Wikileaks.org führen

Die Internetadresse der Enthüllungsplattform Wikileaks.org ist derzeit nicht mehr erreichbar. Nach der Aussperrung durch den US-Konzern Amazon hat nun ein amerikanischer Provider die Seite abgeschaltet - angeblich aufgrund der vielen Hackerangriffe.

Stockholm/Berlin - Der amerikanische Domain-Name-Provider Every DNS, der die Adresse Wikileaks.org verwaltet, hat nach eigenen Angaben die Bearbeitung von Anfragen für die Website eingestellt. Dies sei angeblich notwendig geworden, da es wiederholt zu Angriffen auf die Adresse gekommen sei.

Die Attacken hätten die gesamte Infrastruktur des Every-DNS-Netzwerkes gefährdet, hieß es. Every DNS verwaltet den Zugang zu rund 500.000 Websites.

Über die IP-Adresse, also die Zahlenfolge, die jeden Computer im Internet eindeutig identifiziert, ist Wikileaks.org allerdings noch erreichbar. Auch die deutsche Domain Wikileaks.de ist weiterhin erreichbar, die veröffentlichten Dokumente sind dort ebenfalls weiter einsehbar.

Wikileaks hat die Regierungen der USA und vieler anderer Staaten verärgert, weil dort fast eine halbe Million als vertraulich oder geheim eingestufte Dokumente über die Kriege der USA im Irak und in Afghanistan und zuletzt Zigtausende Mitteilungen von US-Diplomaten veröffentlicht worden waren.

Wikileaks bestätigt Abschaltung über Twitter

Wikleaks bestätigte über Twitter die Abschaltung seiner Seite. Die Adresse Wikileaks.org sei vom US-Provider abgeschaltet worden, nachdem es angeblich massive Angriffe gegeben habe, schrieb die Organisation über den Kurznachrichtendienst.

Zuvor hatte schon Amazon den Stecker gezogen und Wikileaks von seinen Servern vertrieben. Wikileaks.org hatte davor die Mietserver von Amazon zur Speicherung der veröffentlichten Dokumente genutzt.

Amazon bestritt, Wikileaks auf politischen Druck von seinen Servern genommen zu haben. Wikileaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, teilte Amazon in der Nacht zum Freitag in einem Blog-Beitrag mit.

So sähen die Geschäftsbedingungen von Amazons Webdienstleistungen vor, dass der Kunde die Rechte an den Inhalten halte und deren Einsatz niemandem Schaden zufüge. "Es ist klar, dass Wikileaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt", argumentierte Amazon. Auch könne bei der großen Zahl von 250.000 Depeschen nicht gesichert sein, dass durch deren Veröffentlichung nicht Unschuldige wie etwa Menschenrechtler in Gefahr gerieten.

Die Linke ruft zum Boykott von Amazon auf

Zuvor hatte es zahlreiche Medienberichte gegeben, Amazon habe die Nutzung seiner Server durch Wikileaks nach einer Intervention von US-Senator Joe Lieberman gestoppt. Der parteilose Vorsitzende des Senatsausschusses für Heimatschutz habe Amazon mit einem Boykott gedroht, berichtete der britische "Guardian".

Der mit dem Onlineverkauf von Büchern und CDs groß gewordene Konzern bietet auch Dienstleistungen für das sogenannte Cloud Computing an. Bei diesem Modell können Unternehmen ihre IT-Prozesse wie die Speicherung von Daten in verteilten Rechenzentren auslagern.

In Deutschland rief die Partei Die Linke wegen des Vorgehens von Amazon.com zu einem Boykott des Internetkonzerns auf. "Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür. Das ist für die Käufer eine gute Gelegenheit, Amazon zu zeigen, was sie von der Zensur gegen Wikileaks halten", sagte Linke-Vizechefin Katja Kipping am Freitag und fügte hinzu: "Ich jedenfalls kaufe meine Geschenke ab sofort anderswo."

Kipping sagte, es sei nicht hinnehmbar, dass ein Weltkonzern einknicke, wenn ein Politiker eingreife und in vorauseilendem Gehorsam die Meinungsfreiheit einschränke. Wer garantiere, dass der Konzern nicht auch Bücher aus dem virtuellen Regal nehme, wenn sich irgendein Politiker auf den Schlips getreten fühle.

mg/dpa/apd

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