Dienstag, 18. Dezember 2018

"Digital Natives" Die Revolution der Web-Eingeborenen

4. Teil: Digitale Bohème als Vorreiter einer neuen Gesellschaftsform?

Die digitale Medienkompetenz spaltet nicht nur Menschen aus unterschiedlichen Generationen, sondern zunehmend auch Gleichaltrige. Dem Bildungssektor drohe eine verschärfte Form der Zweiklassengesellschaft, lauten Befürchtungen.

 Willi Schroll , Experte für Emerging Technologies, ist freier Berater bei Z_Punkt und Autor des Trendblogs Future Facts.
Andreas Schoelzel
Willi Schroll, Experte für Emerging Technologies, ist freier Berater bei Z_Punkt und Autor des Trendblogs Future Facts.
Eine weitgehende Ignoranz der digitalen Welt und entsprechende Bildungsdefizite kann für Wirtschaftsstandorte, die im harten Innovationswettbewerb stehen, verheerend sein, glaubt John Palfrey, Jura-Professor an der Harvard Law School und Autor des Buches "Born Digital - Understanding the First Generation of Digital Natives". Für die Ausbildung des Nachwuchses spielt die Frage nach Zugangsmöglichkeiten zum Netz und der Erwerb von Social-Media-Kompetenz zunehmend eine Rolle. Schüler und Lehrer müssen gleichermaßen mit sozialer Vernetzung im Internet umgehen und sie für sich nutzen lernen.

Droht in Zukunft also ein verstärkter Kampf zwischen der analogen und digitalen Kultur? Oder gibt sich eine ganze Generation virtuellen Fantasien hin, während die althergebrachten und bewährten Strukturen brachliegen oder ihnen gar der Verfall droht?

Für die Sozialanthropologin Mizuko Mimi Ito sind solche vermeintlichen Hiobsbotschaften nichts als Panikmache. Für sie liegt der einzige Unterschied im Nutzerverhalten: "Der Gebrauch von Medien ist sehr zentral geworden dafür, wie diese Kinder und Jugendlichen ihre Persönlichkeit nach außen präsentieren. Sie sind es gewohnt, alle Informationen ständig verfügbar zu haben und selbstständig zu lernen." Idealerweise würden sie sich viel schneller anpassen als früher und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem aktuellen Stand halten, ohne dass man sie zu einer offiziellen Weiterbildung schicken müsse.

Björn Theis ist Berater bei Z_Punkt. Er beschäftigt sich insbesondere mit den Themen Netzwerkanalyse und Wirtschaftsethnologie.
Ein antisoziales Verhalten hingegen, wie es zahlreiche Kritiker den Digital Natives vorwerfen, konnte die Forscherin in ihren Studien nicht ausmachen: Wenn sie sich das Sozialverhalten dieser Jugendlichen ansehe, sei das gar nicht so anders. Sie hängen mit Freunden rum und haben romantische Beziehungen.

So besteht der Konflikt nicht vornehmlich zwischen den Generationen, sondern zwischen einem konservativen und einem progressiven Gesellschaftsbild. Genauer betrachtet ist das Phänomen der Digital Natives keine Kulturrevolution, die alles Bestehende hinwegfegen wird. Vielmehr sollte sie als Kulturevolution verstanden werden: Sicherlich wird die Generation der Digital Natives die Industrie, die Weltmärkte, das Bildungssystem sowie die Politik verändern, aber das hat auch schon die Nachkriegsgeneration geschafft - ganz ohne Chats oder E-Mails. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der die Digital Natives die Gesellschaft transformieren. Ein Tempo, mit dem Unternehmen Schritt halten müssen, wenn sie in der Netzgesellschaft bestehen wollen.

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH