Freitag, 22. März 2019

Medienschelte Berichten oder Hinrichten?

Die Welt steht am Rande einer Rezession und ausgerechnet die Medien steigern die Krisenangst, lautet der Vorwurf des Kommunikationsexperten Hasso Mansfeld. Er sieht nicht nur eine globale Finanzkrise, sondern auch eine Medienkrise - und rät zu einer weniger aufgeregten Berichterstattung.

mmo: Herr Mansfeld, wer nach dem Stichwort Finanzkrise googelt, hat derzeit etwa 8,9 Millionen Treffer. Kanzlerin Angela Merkel bringt 300.000 weniger. Ist die Finanzkrise schon berühmter als Deutschlands Topprominente?

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Mansfeld: Sie ist ein Medienstar wie Angela Merkel oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Tagsüber von Zeitungs- und Online-Schreibern seziert, abends von Fernseh-Talkshows aufgegriffen - und dort auch noch verkürzt dargestellt.

mmo: Überfordert die Finanzkrise die Medien?

Mansfeld: Die TV-Redaktionen haben sich längst verheddert. Das liegt auch an den eigentümlichen Experten, die Fernsehsender sich gerne ins Studio einladen: Längst pensionierte Ex-Manager etwa, die ihre besten Tage hinter sich haben, aber die aktuelle Krise erläutern sollen. Und Pseudo-Finanzexperten, die selbst nie bei den wirklich wichtigen Finanzfirmen gearbeitet haben, aber in der Show ihr vermeintliches Insiderwissen offenbaren sollen. Gerade so aber wird die Krise unerklärbar, vielleicht sogar gespenstisch gemacht.

mmo: Milliardenbürgschaften für Spareinlagen, zusammenbrechende Banken und Börsentage, an denen sich historisch hohe Verluste mit nie dagewesenen Kursaufschwüngen abwechseln; die Kanzlerin sprach gestern im Bundestag von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929. Das ist doch kein Hype, oder?

Mansfeld: Ohne Zweifel. Doch durch die ständigen "Breaking-News", die schreiend-roten Texteinblendungen im laufenden Programm, hat sich das Fernsehen zum Taktgeber der Krise aufgeschwungen.

mmo: Ist das nicht ein bisschen viel der Ehre für cnn, n-tv oder N24? Die Banken machten doch pleite, bevor die Fernsehleute darüber in ihren Tickern berichten konnten.

Mansfeld: Ist der Ticker erst einmal da, muss er gefüttert werden. Und so wird in einem Atemzug in der Finanzkrise vermeldet, was vielleicht überhaupt nichts mit ihr zu tun hat. Oder glauben Sie, dass die verschiedensten Autofirmen ausgerechnet in derselben, vergangenen Woche urplötzlich bemerkten, Werke stilllegen zu müssen? Aber all diese Meldungen laufen dennoch wenig später unter der Überschrift "Finanzkrise". Passt ja irgendwie schön.

mmo: Wie tief ihre eigenen Schwierigkeiten gehen, haben die Autofirmen sicher nicht gleichzeitig bemerkt. Aber dass sie die kurz hintereinander öffentlich machten, zeigt doch gerade, in welcher alles umspannenden Krise wir uns befinden, oder? Nur in ausgeprägten Krisenzeiten versuchen Unternehmen eigene Schwächen hinter denen der Konkurrenz zu verstecken - und diese zeitliche Nähe entlarven die Ticker doch sogar.

Mansfeld: Aber sie scheinen zugleich die allgemeine und auch noch entlastende Ursache der individuellen Unternehmensfehler zu liefern, weil nahezu jede schlechte Firmennachricht unter der gleichen Krisenüberschrift läuft. Zu allem Überfluss hat die Wirtschaftspresse dann auch noch diese Ticker vom Fernsehen abgeschaut - von ftd.de über handelsblatt.com bis zu manager-magazin.de.

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