Mittwoch, 21. November 2018

Wikipedia Manipuliertes Weltwissen

Schon lange wird gemunkelt, dass Unternehmen, Organisationen und bekannte Persönlichkeiten Texte in der Online-Enzyklopädie Wikipedia gern zu ihren Gunsten ändern. Eine neue Software namens Wikiscanner kommt ihnen nun auf die Schliche.

Hamburg – Die Online-Enzyklopädie Wikipedia lebt von dem Wissen ihrer Internetnutzer. Jeder darf eigene Beiträge schreiben oder verändern, so soll das Wissen der Welt gesammelt werden.

Schönheitskorrekturen bei Wikipedia: Exxon, Dow Chemical und AstraZeneca haben ihre Wikis verschönert
Problematisch an diesem Konzept ist allerdings, dass die Enzyklopädie damit auch fehlerhafte Einträge enthalten kann, da die eingestellten Inhalte von keiner Redaktion überprüft werden.

Das Wired-Blog Threat Level hat nun eine Liste von Unternehmen und Organisationen aufgestellt, die kritische Passagen in ihren Wikipedia-Einträgen offenbar geschönt haben. Die Betreiber des Blogs haben dafür die im Internet frei verfügbare Software Wikiscanner des Studenten Virgil Griffith genutzt.

Wikiscanner kombiniert die Datenbank der Online-Enzyklopädie, die von jedem heruntergeladen werden kann und die IP-Adressen aller Wiki-Autoren speichert, mit einer IP-Adress-Datenbank von bekannten Unternehmen und Institutionen. Dadurch lässt sich herausfinden, von welchem Standort aus welcher Artikel geändert wurde.

Wikiscanner ist Fluch und Segen zugleich

In der Liste des Wired-Blogs tauchen viele bekannte Namen auf. So sollen Angestellte des Ölkonzerns Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen die Havarie des Tankers Exxon Valdez aus dem Jahr 1989 beschönigt haben. Mitarbeiter von Dow Chemical Börsen-Chart zeigen versuchten offenbar, eine Verbindung des Unternehmens mit der Chemiekatastrophe in der indischen Stadt Bhopal, bei dem 1984 rund 20.000 Menschen ihr Leben ließen, zu vertuschen. Und aus dem Umfeld des Pharmaunternehmens Astrazeneca Börsen-Chart zeigen kam laut Threat Level die Artikeländerung, dass das Antidepressivum Seroquel Selbstmordgedanken bei Jugendlichen fördert.

Astrazeneca-Sprecher Friedrich von Heyl sagte gegenüber manager-magazin.de: "Wir untersuchen diesen konkreten Vorwurf". Aber abgesehen davon sei Wikipedia auch keine adäquate Quelle, um sich als Patient zu informieren. "Auf unserer offiziellen Webseite stehen alle Informationen zu unseren Produkten, inklusive der Nebenwirkungen", so von Heyl.

Auch der US-Wahlmaschinenhersteller Diebold soll seinen Wikipedia-Eintrag aufgehübscht haben. Kritische Passagen zu den Diebold-Produkten wurden in dem Artikel entfernt, die IP-Adresse des dafür verantwortlichen Autors stammt laut Wikiscanner von einem Rechner des Unternehmens.

So ließe sich das noch eine Zeit lang fortsetzen. Die Liste des Wired-Blogs ist lang. Die Glaubwürdigkeit der Online-Enzyklopädie bekommt damit einen gehörigen Knacks. Doch Wikiscanner ist Fluch und Segen zugleich: Die Aufdeckung des Verschönerungs-Skandals schreckt Unternehmen, die etwas Ähnliches im Sinne hatten, hoffentlich ab.

manager-magazin.de

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