Montag, 16. Juli 2018

Second-Life-Millionärin Interview mit einem Avatar

Ailin Gräf hat es geschafft. Im Onlinespiel Second Life verdiente sie so viel, dass sie inzwischen in China 50 Mitarbeiter davon beschäftigt. manager-magazin.de traf sich mit ihrem Avatar Anshe Chung und sprach mit ihr über echten Umsatz und falsche Hoffnungen.

mm.de: Wie lange leben Sie schon in Second Life?

Chung: Ich bin seit fast drei Jahren hier. Vorher war ich in anderen virtuellen Welten: Zuerst in Asheron's Call, danach in Shadowbane und Star Wars Galaxies. In diesen Online-Fantasiespielen haben wir Avatare oft sehr brutale Kriege geführt - trotzdem waren die Spieler zumeist viel netter zueinander als hier.

mm.de: Das heißt, in Second Life herrscht Psychokrieg?

Chung: In Second Life gibt es zwar keine Kriege mit Waffen. Dafür gibt es hier viele Intrigen und Dinge, die auch im echten Leben passieren - nur manchmal noch hemmungsloser. Status, Macht und Ansehen sind hier sehr wichtig. Daneben auch Eitelkeit, Neid und Selbstdarstellung. Im Spiel Shadowbane werden solche Sachen mit einem Krieg gelöst und danach zusammen mit den Mitspielern gelacht. In Second Life fehlt leider so ein spielerisches Ventil.

mm.de: Das klingt nicht so, als ob Ihnen das Leben hier noch Spaß machen würde. Warum sind Sie noch in Second Life?

Chung: Das Glas ist doch halb voll, nicht wahr? Irgendwann entwickelt man ein dickes Fell und ignoriert diese Aspekte mehr oder weniger. Ich finde diesen Vergleich aber interessant, weil man den Konflikt normalerweise in einer "brutalen Kriegsspielwelt" erwartet und nicht in einer "friedlichen sozialen Welt".

mm.de: War Neid auch ein Grund für die virtuelle Phallusattacke während einer Pressekonferenz?

Chung: Ja, dieser Angriff diente dazu, Aufmerksamkeit zu erheischen. Diese Leute sind für alle möglichen idiotischen Sachen bekannt, auch für sexuelle Angriffe in Second Life. Eigentlich hätte ich das gerne ignoriert, aber der Vorfall wurde in den Medien und im Internet verbreitet. Jemand hat ausgerechnet, dass Google über das Tochterunternehmen YouTube ein halbe Million Dollar mit den Werbeeinnahmen dieser Videos verdient hat.

mm.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Second Life mit Land- und Immobilienhandel Geld zu verdienen?

Chung: Anfangs war es nicht mein Ziel, Geld zu verdienen. In den ersten drei Monaten hatte ich einfach nur Spaß: Ich machte Mode und verdiente Linden-Dollar für wohltätige Zwecke. Ich denke es ist sehr wichtig, eine Zeit lang in Second Life zu leben, bevor man ein Geschäft aufbaut. Irgendwann kaufte ich geschäftlich Land und verkaufte es mit Profit. Zusammen mit meinem Mann habe ich mir das Konzept genau angeschaut, analysiert und mehr und mehr mit Land gehandelt.

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