Montag, 17. Dezember 2018

Wikipedia Rufmord, Rüffel, Ruhmeshymnen

Vandalen wildern bei Wikipedia. Ein Journalist wurde monatelang mit der Ermordung von John F. Kennedy in Zusammenhang gebracht und ein Autor versuchte, seine Arbeit in ein gutes Licht zu rücken, indem er Verweise und Links auf missliebige Konkurrenten einfach löschte. Nun verschärft die Web-Enzyklopädie ihre Regeln.

Hamburg - "Wikipedia hat mich vier Monate lang als Attentäter dargestellt." John Seigenthaler, profilierter Journalist und in den Sechzigern Assistent von Robert Kennedy, ist höchst unzufrieden mit der freien Online-Enzyklopädie und ihren Qualitätsstandards.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales: Überprüfen, was schief gegangen ist
Während Wikipedia-Gründer Jimmy Wales immer wieder betone, Fehler in dem Nachschlagewerk würden von eifrigen Freiwilligen binnen Minuten korrigiert, habe sich an einem für ihn ehrabschneidenden Beitrag über Monate nichts geändert: In dem englischen Wikipedia-Artikel über Seigenthaler wurde behauptet, er habe im Verdacht gestanden, in die Ermordungen von John F. und Robert verwickelt gewesen zu sein.

An anderer Stelle wurde fälschlicherweise behauptet, er habe von 1971 bis 1984 in der Sowjetunion gelebt. Seigenthaler machte diese und andere Verzerrungen in dem biografischen Eintrag in einem Artikel in der US-Zeitung "USA Today" publik. Die Beschwerde löste eine Welle der Kritik an den internen Kontrollmechanismen der Online-Enzyklopädie aus, die von Freiwilligen bestückt und korrigiert wird.

Recht auf den eigenen Standpunkt im Online-Lexikon?

Kurz darauf löste ein vormaliger MTV-Moderator namens Adam Curry weiteren Wiki-Wirbel aus: Curry hatte den Eintrag zum Thema "Podcasting" bearbeitet - und zwar, den Vorwürfen seiner Kritiker zufolge, in eigenem Interesse. Curry gilt selbst als Pionier der zum Download angebotenen Radioprogramme für MP3-Player.

Durch seine Änderungen versuchte er aber angeblich Mitstreitern auf diesem Gebiet ihren Ruhm zu nehmen. Er habe Verweise auf Ideen und Arbeiten anderer Podcast-Vorreiter aus dem Eintrag gelöscht, so der Vorwurf.

Curry selbst gab dies gegenüber dem IT-Dienst Cnet auch zu, gab aber an, er habe die Verweise für fehlerhaft gehalten, dann aber festgestellt, dass er einen Fehler gemacht habe. Dennoch, so Curry, bedeute das nicht, "dass ich nicht eine Meinung über die Tatsachen haben und Wikipedia so ändern darf, dass sie meinen Standpunkt widerspiegelt".

Eben dies aber widerspricht dem Anspruch auf inhaltliche Objektivität und Korrektheit, der unter anderem von Wikipedia-Gründer Wales immer wieder erhoben wird. Wales kam nicht umhin, die Vorfälle zu kommentieren und schließlich eine ungewöhnliche Konsquenz zu ziehen: Seit gestern muss sich jeder, der einen Artikel in die Online-Enzyklopädie einstellen will, registrieren lassen - bisher konnte auch anonym geschrieben werden. Das kommt selten, aber gelegentlich vor - auch der tendenziöse Seigenthaler-Biograf war ein Anonymus.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH