Donnerstag, 15. November 2018

Online-Enzyklopädie Die Wikimanie greift um sich

Eigentlich merkwürdig, dass das Konzept funktioniert: Ohne Bezahlung oder Autorennachweis schaffen eifrige Wikipedianer ein kostenloses Web-Lexikon, das Vergleiche mit dem Brockhaus nicht zu scheuen braucht. Vorläufiger Höhepunkt des rasanten Aufstiegs ist der Grimme Online Award 2005, bei dem Wikipedia gleich zwei Preise einheimste.

Hamburg - "Vertrauensfrage" ist der Artikel des Tages bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia gewesen, als Bundeskanzler Gerhard Schröder am Freitag wie erwartet die Vertrauensfrage im Bundestag verlor. Dieser und viele weitere Artikel bilden den Wissensschatz von Wikipedia.

Nachschlagewerk im Web: Die deutsche Version ist nach der US-amerikanischen die zweitgrößte Wikipedia-Enzyklopädie
Nachschlagewerk im Web: Die deutsche Version ist nach der US-amerikanischen die zweitgrößte Wikipedia-Enzyklopädie
Beim Grimme Online Award 2005 ist Wikipedia gleich mit zwei Preisen ausgezeichnet worden. Das Wissensnetzwerk erhielt "als herausragendes Beispiel kollaborativer Nutzung des Internet" den Preis des Adolf Grimme Instituts in der Kategorie "Wissen und Bildung". Außerdem gewann es den Intel-Publikums-Preis.

Das besondere daran: Die mehr als 250.000 deutschsprachigen Artikel stammen nicht aus einer Lexikon-Redaktion. Jeder kann bei Wikipedia Artikel schreiben und verbessern. "Die Preise sind eine Anerkennung der Arbeit der freiwilligen Autoren", sagt Projektsprecher Arne Klempert.

Rund 400 Artikel kommen nach Angaben Klemperts täglich hinzu. Derzeit gibt es etwa 10.000 registrierte Autoren und ungezählte nicht registrierte Autoren, die ihr eigenes Wissen preisgeben, um das Lexikon ständig weiter zu verbessern. Sie recherchieren und schreiben für die Wissensdatenbank ohne Lohn und Ruhm. "Wir wollen eine Alternative zum Brockhaus sein", sagt Klempert.

Bei Wikipedia herrscht Anarchie

Die Idee zu Wikipedia hatte der US-Amerikaner Jimmy Wales. Im Januar 2001 startete zunächst eine englischsprachige Version der Online-Enzyklopädie. Im Mai des gleichen Jahres gab es bereits eine deutsche Ausgabe.

Inzwischen gibt es Wikipedia in mehr als 100 Sprachen, darunter Friesisch, Esperanto und Alemannisch. Die englische Version ist mit derzeit mehr als 600.000 Artikeln die größte, mit großem Abstand gefolgt von der deutschen Wikipedia.

Die Wikipedianer, wie sich die Aktiven bei Wikipedia selbst nennen, verfahren mit den Texten anarchisch: Jeder kann Texte schreiben, Passagen ändern und sogar löschen. Vandalismus müsste also, je bekannter die Plattform wird, ein ernst zu nehmendes Problem für Wikipedia sein, könnte man denken. "Gleichzeitig steigt aber die Zahl der aktiven User an", sagt Klempert. Das Thema Vandalismus spiele für Wikipedia keine große Rolle. "Ein ernsthaftes Problem für das Projekt ist das nicht."

Alle Versionen eines Artikels sind jederzeit abrufbar, nichts kann für immer gelöscht werden. Erst im Juni musste die "Los Angeles Times" ein Wiki-Projekt, also eine Seite, die von jedem bearbeitet werden kann, nach drei Tagen stoppen. Einige Nutzer hatten unter anderem pornografische Bilder im "Los Angeles Times"-Wiki veröffentlicht.

Der Brockhaus-Verlag, der in diesem Jahr 200 Jahre alt wird, sieht Wikipedia nicht als Konkurrenz an. "Man kann Brockhaus und Wikipedia nicht miteinander vergleichen", sagt Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch. "Wir garantieren, dass unsere Einträge wirklich korrekt sind." Zudem versuche Brockhaus, das Wesentliche in der Welt abzubilden. "Die Spice Girls finden Sie bei uns nicht."

Christiane Link, DPA

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