Montag, 18. Februar 2019

Tech-Pioniere Der alte Mann und die Bitströme

Mit seinen 82 Jahren sollte Joseph Weizenbaum eigentlich ein Vertreter der letzten wirklich vordigitalen Generation sein. Ist er aber nicht. Als MIT-Urgestein forschte er jahrelang am Thema Künstliche Intelligenz, Weizenbaum gehört zu den Pionieren der Digitaltechnik - und ist heute einer ihrer schärfsten Kritiker.

Hamburg - Normalerweise fragen Opas ihre Enkel, wenn sie Rat in Computerdingen brauchen - nur in seltenen Fällen ist das umgekehrt. Einer dieser Fälle ist der Computer-Guru Joseph Weizenbaum, der in den sechziger Jahren am MIT an Künstlicher Intelligenz forschte. In unzähligen Artikeln werden ihm akademischer Attribute zugesprochen: Ein Philosoph sei er, ein Experte für Künstliche Intelligenz, ein Medien- oder Gesellschaftskritiker.

Joseph Weizenbaum ist technikbegeisterter Forscher, Gesellschaftskritiker und Autor des Buches "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft", 368 Seiten, Suhrkamp, November 2003
Nichts davon ist falsch, vor allen Dingen aber ist er eines: Der Digitalpionier Weizenbaum gilt heute als einer der informiertesten Kritiker des kritiklosen Umgangs mit Computern und sonstiger Technik, die den Alltag immer stärker bestimmt. Auf diesem Gebiet ist er eine absolute Autorität. Weizenbaum selbst bezeichnete sich einmal als "Dissident und Ketzer der Computerwissenschaft".

Für viele junge Leute, die mit Digitaltechnik ganz selbstverständlich groß geworden sind, ist er gerade deshalb so etwas wie ein Guru. Wohl auch darum drängten sich vor wenigne Wochen in Köln rund 100 junge Studenten in einen kleinen Vortragssaal und lauschten gespannt den Ausführungen des Informatik-Seniors mit dem grauen Pferdeschwanz, dem buschigen Schnauzbart und dem frischen Humor. Einige der Studenten filmten ihn mit der Videokamera, tippten seine Worte umgehend in den Laptop oder nahmen sie als MP3 auf.

Synthetische Gespräche

Das Ungewöhnlichste daran war wohl der Ort der Veranstaltung und die Art des Publikums: Studenten der Kunst, der Philosophie, der Sozialwissenschaften fanden ihren Weg in die Gastvorlesung an der Kunsthochschule für Medien. Es gibt nicht viele Informatiker, die so ein Publikum finden.

Berühmt wurde Weizenbaum, als er Mitte der sechziger Jahre im Rahmen seiner Forschungen über Künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Programm "Eliza" schrieb, das mit rund 200 Zeilen Programmcode eine Unterhaltung zwischen einem Psychotherapeuten und einem Patienten simulierte.

"Das kann heute jeder zwölfjährige Hacker schreiben", sagt Weizenbaum heute. Doch die User in den Sechzigern waren begeistert und fühlten sich vom Computer verstanden, der jedoch nur vorausberechnete Floskeln ausspuckte. Weizenbaum spricht heute von einer "Parodie".

Heute gilt der emeritierte MIT-Professor, der vor zehn Jahren aus den USA in seine Geburtsstadt Berlin umgezogen ist, als strenger Kritiker in Technik-Dingen. Trotz aller Rechenleistung wird ein Computer seiner Auffassung nach niemals in seiner Entwicklung einem Menschen nahe kommen. Das liege unter anderem daran, dass Mensch und Maschine nicht miteinander kommunizieren können, denn "wir wissen mehr, als wir sagen können", sagt er. Man könne alles mit Worten ausdrücken, "nur nicht die Wahrheit".

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