Montag, 17. Dezember 2018

New Economy Das Prinzip Don Alphonso

Don Alphonso ist Journalist und brandmarkt in seinem Roman "Liquide" die Mechanismen der dahingeschiedenen New Economy. Geschickt kreiert er für sein Buch einen Werbehype und folgt dabei genau den Regeln, die er in seinem Druckwerk so harsch kritisiert.

Hamburg - Die Bühne für die Inszenierung liefert die Webseite www.dotcomtod.com (DCT). Für eine kleine, aber fest eingeschworene Fan-Gemeinde ein absolutes Glanzlicht im von Medienkonzernen, Juristen und Politikern dominierten Internet. Auf der Website geht es um die vielen sterbenden Dotcoms der New Economy, die über Businesspläne und "Reichwerden durch Venture Capital" nicht hinauskamen.

www.dotcomtod.com: Das Forum für New-Economy-Lästermäuler
Die Hauptidee der Webseite formulieren die DCT-Macher wie folgt: "Es gibt keine Dotcom-Krise. Die Dotcoms funktionieren so gut oder so schlecht wie immer. Es gibt eine Hype-Krise. Das Hochjubeln, das unkritische Zitieren, das gegenseitige Belügen, der Rausch - das alles ist in der Krise."

Auf der Website kann sich jeder hinter der Anonymität einer künstlichen Figur ("Avatar") verstecken und sein mehr oder weniger fundiertes Wissen über echte oder vermeintliche Flops anbringen. Oder konkrete Namen nennen, Zusammenhänge entdecken und so einen wirklich basisdemokratischen und werbefreien Raum genießen.

Macher hinter DCT ist Don Alphonso zusammen mit einigen Mitstreitern. Sie stellen jeweils unter einem oder mehreren Avataren eigene Beiträge und Kommentare auf die Seite, gleichzeitig aber auch Beiträge und Kommentare externer Nutzer. Die Artikel werden also anonym geschrieben und von einer Redaktion geprüft.

Im Forum verstecken sich die Autoren hinter Avataren

Für Außenstehende ist dabei nicht erkennbar, wie viele Personen sich hinter der Redaktion und den künstlichen Figuren verstecken. Im Extremfall kann ein Schreiber mehrere seiner Figuren in die virtuelle Welt schicken und sie sogar mit verteilten Rollen miteinander streiten lassen.

Wer ist Don Alphonso?

Wer oder was Don Alphonso genau ist, darüber herrscht weithin Unklarheit. Der Autor stammt aus München, beziehungsweise hatte eine zeit lang engen Kontakt zur dortigen New-Economy-Szene. Der Journalist Don Alphonso gilt als einer der wichtigsten Informanten der Website dotcomtod.com www.dotcomtod.com
Einiges auf dieser Webseite beruht auf frei zugänglichen Nachrichten, anderes kommt von so genannten Insidern, alles jedoch stößt vor allem dann auf Interesse, wenn es um die Auseinandersetzung mit konkreten Figuren aus der Szene geht.

Egal ob bedeutsam oder nur zufällig aufgespürt, egal ob berechtigt oder ungerecht: Hier werden kollektiv Personen systematisch analysiert, teilweise bis auf die Knochen seziert und genussvoll hingerichtet - schmerzhaft für die chancenlosen Opfer, lustvoll für die gefahrenlos agierenden und beim finalen Todesschuss jubelnden DCT'ler.

Der unbestrittene Hauptautor und Star der DCT-Gemeinde ist jener Don Alphonso, der jetzt sein Buch vorlegt, das natürlich im Umfeld der New Economy spielt. Es ist locker und publikumsnah geschrieben, wäre aber vermutlich in der Flut der Veröffentlichungen untergegangen, hätte sich Don Alphonso nicht genau jener Methodik bedient, die er in seiner Rolle als Großkritiker der New Economy immer brandmarkt.

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