Samstag, 17. November 2018

First Tuesday "Wir sind ganz unten"

Neues Programm - der First Tuesday ist nicht mehr nur Treffpunkt für die IT-Branche.

Berlin - Wozu ist ein Netzwerk von Unternehmen der New Economy nach dem Ende des Booms noch gut? First Tuesday (FT) jedenfalls hat sich umstrukturiert und wollte mit einer Großveranstaltung am Dienstagabend in Berlin auf seine "grundlegende Professionalisierung" aufmerksam machen, wie Dirk Stettner vom Vorstand in Deutschland sagte.

Als Netzwerk für das gesamte "neue Unternehmertum" wollten sie der "irrigen Unterscheidung" zwischen Old und New Economy entgegenwirken. "Wir sind heute ganz unten - räumlich wie stimmungsmäßig", sagte Stettner in seiner Eröffnungsrede im noch unfertigen U-Bahnhof am Kanzleramt in Berlin. Sicherlich habe eine Überhitzung der Branche zu "Pleiten, Pech und Pannen" geführt.

Doch daneben habe sich eine solide Szene entwickelt, betonte das Vorstandsmitglied. First Tuesday sei jetzt nicht mehr nur für die IT-Branche zuständig, auch Life Science und E-Government gehörten zum Programm. "Wenn die eine Branche schwankt, boomt eben die andere", sagte Stettner.

Der Staat wolle bis 2005 rund zwölf Milliarden Mark in den Bereich E-Government investieren, bestätigte Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Viele der knapp 1000 angemeldeten Gäste zeigten sich allerdings enttäuscht über die Veränderungen, die die Umstrukturierung mit sich gebracht habe.

Die Geburt einer Idee

Die Idee zu First Tuesday wurde 1998 in London geboren. Aus regelmäßigen Treffen von Beschäftigten der IT-Branche an jedem ersten Dienstag des Monats entstand ein weltweites Netzwerk. Bei Veranstaltungen mit informellem Charakter, zu denen sich Interessierte zuvor per E-Mail anmeldeten, trafen potenzielle Geldgeber, Unternehmer und Berater zusammen, gekennzeichnet durch farbige Anstecknadeln, die ihre jeweilige Funktion verdeutlichten. So sollten Geschäftskontakte geknüpft und vertieft werden.

Ein junger Mann beklagte besonders, dass der Treffpunkt der First Tuesday-Veranstaltungen zum ersten Mal nicht geheim gehalten worden sei: "Da sind zu viele und die falschen Leute da. Auf diese Weise kann man gar keine Kontakte herstellen. Zu unpersönlich."

Wenige Risikokapitalgeber trauten sich her

Die Geheimhaltung habe unter anderem wegen der neu dazugewonnenen Partner aufgegeben werden müssen, sagte Stettner. Hierzu zählt unter anderem die Deutsche Telekom. Von den mit einem roten Punkt gekennzeichneten Risikokapitalgebern waren in Berlin auffällig wenige zu sehen.

Stettner erklärte, die Anmeldungen von Kapitalgebern seien zahlreicher als noch vor einem halben Jahr. In der Regel seien rund 20 Prozent der Besucher sogenannte "Business Angels". Im U-Bahnhof am Kanzerlamt rechne er jedoch mit weniger.

Viele Schaulustige

Auch die grün gepunkteten Unternehmer waren nicht alle aus geschäftlichen Gründen gekommen. Auch Schaulustige auf der Suche nach gelungener Abendunterhaltung waren darunter. Immerhin war der neue, noch ungenutzte U-Bahnhof zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich.

"Auch wenn es ein bisschen kalt ist, ist das schon eine beeindruckende Location. Wird eine gute Party werden", freute sich eine junge Dame mit grünem Punkt. Zur Stimmungslage in der IT-Branche wollte sich Stettner nicht eindeutig äußern: "Wir sind nicht Infratest." First Tuesday werde allerdings wieder verstärkt von interessierten Partnern angesprochen. Insgesamt machte Stettner eine höhere Investitionsbereitschaft aus. Dass in Berlin noch kein Grund zum Jubeln bestehe, gab das Vorstandsmitglied jedoch zu.

Carolyn Braun, AP

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