Mittwoch, 21. November 2018

Pink-Slip-Party Bleiben, bis das Boot untergeht

Nun hatte auch Frankfurt seine erste Fete für Opfer der New Economy. Die Resonanz war verhalten.

Frankfurt/Main - Die erste Frankfurter "Pink Slip Party" für entlassene Mitarbeiter der IT-Branche am Dienstagabend kam nur schleppend in Gang. Ernsthaft und konzentriert wie auf einer Karriere-Messe unterhielten sich Jobsuchende und Kopfjäger auf Terrasse und Tanzfläche im King Kamehameha Club an der Hanauer Landstraße. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Erst gegen 23 Uhr ließ Veranstalter Frank Lichtenberg die sanft dahinplätschernde Bar-Musik durch Tanzbares ersetzen. Da waren die meisten schon wieder gegangen.

Die in Amerika wegen ihrer rosa Farbe "Pink Slips" genannten Kündigungsschreiben werden in Deutschland offenbar nicht auf die leichte Schulter genommen - anders als in den USA, wo der Trend zur Arbeitslosenparty plus Job-Börse vor eineinhalb Jahren aufkam. Der lockere Umgang mit der Arbeitslosigkeit entspreche nicht der deutschen Mentalität, glaubt SAP-Headhunter Ralf Kronig: "In Deutschland ist Arbeitslosigkeit ja eher eine Schande." Kronig hat bereits auf der Berliner Party Kontakte geknüpft. In Frankfurt vereinbarte er mit einem Kandidaten einen weiteren Gesprächstermin.

Über den Ernst der gestrengen Veranstaltung täuschte auch die verspielte Dekoration kaum hinweg: Ein rosaroter Teppich führte wie ein Laufsteg zum Eingang des Clubs. Rosa Nelken lagen auf den Tischen, in gedämpftem Rosa leuchteten die angestrahlten Wände. Rosa war auch die Krawatte von Veranstalter Frank Lichtenberg, rosig seine Stimmung. Von 350 angemeldeten Jobsuchern seien etwa 280 gekommen, ebenso 80 der 85 angemeldeten Firmen und Personaldienstleister. Nach dem Flop der bundesweit ersten "Pink Slip Party" in Berlin, zu der nur etwa die Hälfte der 640 angemeldeten Gäste gekommen waren, sei die Party in Frankfurt "ein voller Erfolg".

Die Arbeitgeber trugen rosa Buttons, Jobsucher waren an rosa Stoffetiketten zu erkennen. "Man kann sofort zur Sache kommen, kann Fragen an Ort und Stelle klären", lobte ein 38 Jahre alter Pre-Sales- Consultant im Software-Bereich. "Allerdings bleiben die Möglichkeiten oft vage. Und dann heißt es doch wieder: Schicken Sie mir was zu." Sehr zufrieden war Beatrice Koch, Mitarbeiterin einer Frankfurter Personalberatung für IT-Kräfte, die feste Stellen, Projektstellen und Führungskräfte vermittelt. Etwa fünfzehn Job-Kandidaten hätten sich auf ihrer Liste eingetragen. Fünfzehn weitere Visitenkarten habe sie in der Tasche.

Auch Unternehmen aus der Old Economy wie Siemens, Bosch, T-Systems und einige Großbanken hatten Recruiter (Anwerber) in den Club im Frankfurter Osten geschickt. "Wir hoffen, dass Mitarbeiter aus der New Economy sich sagen: Lieber ein bisschen weniger spannend, dafür aber sicher", sagte Marcus Heinen von der Commerzbank. Gleich zehn Anwendungsentwickler, vier Projektmanager, zwei Datenbank- Administratoren, zwei Netzwerk-Spezialisten und einige Mitarbeiter aus dem Großrechner-Umfeld suchte ein anderer Headhunter für seine Kunden.

Nicht alle Gäste waren gerade erst gefeuert oder auf der Suche nach Personal. Einige wollten die IT-Szene einfach nur kennenlernen. Frisch gebackene Multimedia-Spezialisten waren darunter, Umschüler, Studienabbrecher und Leute, die sich noch gar keine Sorgen um ihren Job machen müssen. Ausgelassen tanzte eine 23 Jahre alte BWL- Studentin, die ihr rosa Etikett lässig auf ihren Po geklebt hatte. "Ich habe einige interessante Gespräche geführt, und jetzt feiere ich halt."

250.000 Mark kosten die geplanten insgesamt acht Parties in Berlin, Frankfurt, München und Hamburg. Für die angemeldeten Pink Slipper ist der Eintritt zur Party frei. Kräftig zur Kasse gebeten werden Recruiter und Sponsoren, mit deren Geld die Parties zum Teil finanziert werden. Den Rest schießt Lichtenberg aus eigener Tasche zu. Auf der Frankfurter Party traf der 31 Jahre alte Leiter der Arbeitsgruppe "Startups" der deutschen Internetwirtschaft einen möglichen neuen Partner: Manfred C. Schubert von tmp.worldwide sagte, er könne sich vorstellen, künftig als Co-Veranstalter aufzutreten.

Pink Slipper ist Lichtenberg seit kurzem selbst. Vor knapp einer Woche stellte er den Insolvenzantrag für sein Startup-Unternehmen snacker.de. 18 Mitarbeiter stehen nun auf der Straße. Bei Ex-Snacker David Segl, 25, ist der Mut trotzdem ungebrochen. "Die Leute in Deutschland sind viel zu pessimistisch. Ich finde, man soll bleiben, bis das Boot untergeht."

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